Er ist Freddie Mercury

Über den Queen-Film «Bohemian Rhapsody» kann man sich streiten. Aber Rami Malek («Mr. Robot») ist erstaunlich in der Hauptrolle.

Sänger und Performer: Freddie Mercury gespielt von Rami Malek.

Sänger und Performer: Freddie Mercury gespielt von Rami Malek.

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Er sei kein Schweizer Kondukteur, verteidigt sich Freddie Mercury in «Bohemian Rhapsody», als er wieder einmal irgendwo zu spät kommt. Er sagt: «Ich bin Performer!» Rami Malek, der Schauspieler, der Mercury spielt, ist überpünktlich. Zum Interview mit einer Gruppe Journalisten in Berlin erscheint er viel zu früh.

Anders als Mercury nutzt Malek auch nicht jeden Auftritt zur Performance: Der 37-Jährige, der sich als Hacker mit Angststörung in der Fernsehserie «Mr. Robot» empfahl, gibt nüchtern und tapfer Auskunft: «Wie viele Perücken hatten Sie für die Rolle?» – «Hat man Ihnen falsche Zähne angefertigt?» – «Wie viele Katzen haben Sie?»

Scheinwerfer an: Rami Malek in der Hauptrolle des Freddie Mercury. YouTube/20th Century Fox Switzerland

Rami Malek ist allergisch auf Katzen und hat schöne, gerade Zähne. Er ist schmächtig und trägt ein schwarzes T-Shirt zur schwarzen Hose und den schwarzen Schuhen. Man ist schwer beeindruckt, wie sich der unscheinbare US-Amerikaner in den Flipperkasten Freddie Mercury (1946–1991) verwandelte, den schillernden parsisch-britischen Katzenfreund und Sänger mit Überbiss.

Neben der Zahnprothese muss es harte Schauspielerarbeit gewesen sein: Die Aufnahmen von Live Aid, dem Benefizkonzert für Afrika 1985, mit dem Queen am Ende noch einmal gross auftrumpften (es ist auch der Showdown des Films), habe er «wirklich tausendmal geschaut», sagt Malek. Vor dem Film kannte er nicht viel mehr als die Hits der Band, er war kein Queen-Connaisseur: «Als mir die Rolle ange­boten wurde, fing ich sofort an, Videos von Freddy Mercury zu schauen, und dabei realisierte ich, dass ich den Mann noch nie richtig hatte reden hören. Aber als Freddy seinen Mund aufmachte, dachte ich nur: ‹Der ist fantastisch! Den möchte ich spielen!›»

«Is this the real life?» - Bohemian Rhapsody von Queen. YouTube/Queen Official

Eigentlich war der Komiker Sacha Baron Cohen («Borat») für die Hauptrolle vorgesehen gewesen, er verkrachte sich aber mit dem Queen-Gitarristen Brian May, der den Film mit­produzierte. Cohen fand das Drehbuch zu weichgespült. Auch die Regisseure kamen und gingen, darunter David Fincher («Seven») und Tom Hooper («The King’s Speech»).

Am Ende wurde Bryan Singer («X-Men») verpflichtet – und während der Dreharbeiten wieder rausgeschmissen. Malek konnte nicht mit ihm. Darauf angesprochen, weicht er aus und redet vom Kameramann, der sowieso viel wichtiger gewesen sei. Eine Rolle spielten wahrscheinlich auch die Pädophilie- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen Singer, die seit #MeToo ins Kraut schiessen. Ein gewisser Dexter Fletcher («Eddie the Eagle») drehte jedenfalls den Film zu Ende.

Freddie Mercury (Rami Malek) beim triumphalen Live-Konzert 1985.

Richtig gut ist er nicht geworden. Die Kamera von Newton Thomas Sigel («Drive») bringt zwar tatsächlich alles toll zum Glitzern. Die Kostümbildner kramten die engsten Achtzigerjahrehosen hervor, die Schnurrbärte sitzen, und die Konzerte kommen spektakulär rüber. Aber Sacha Baron Cohen hatte recht: Das Drehbuch ist bieder.

Mercurys Sexualität erschöpft sich darin, dass er sich im Kleiderladen in die Damenabteilung verirrt und irgendwann einen Mann knutscht – mehr traut sich dieses Biopic nicht. Und die Aids-Erkrankung ist nicht mehr als ein blutiges Hüsteln ins Taschentuch. Singer und Fletcher haben also einiges verhauen, aber wegen Rami Malek muss man den Film trotzdem gesehen haben.

In diversen Kinos
Siehe «Filme nach Alphabet»

(Züritipp)

Erstellt: 31.10.2018, 15:40 Uhr

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