Er wurde vergessen – und wiederentdeckt

Vor 120 Jahren wurde der französische Regisseur René Clair geboren. Jetzt kann man sein Schaffen neu entdecken.

Ob sie gerade eine Hexe gesehen haben? Wallance Wooley (Fredric March) und Jennifer (Veronica Lake) in «I Married a Witch».

Ob sie gerade eine Hexe gesehen haben? Wallance Wooley (Fredric March) und Jennifer (Veronica Lake) in «I Married a Witch».

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Als Ende der Zwanziger der Tonfilm aufkam, war René Clair (1898–1981) nicht begeistert. Der Regisseur viel beachteter Stummfilme wie dem Dada-Experiment «Entr’acte» oder der Boulevardkomödie «Un chapeau de paille d’Italie» befürchtete damals eine Ver­armung des Kinos angesichts von «endlosen Dialog­szenen, die langweilig sind, wenn man kein Englisch versteht, und unerträglich, wenn man es tut».
Doch dann drehte er vier Filme – «Sous les toits de Paris» (1930), «Le million» (1930), «A nous la liberté!» (1931) und «Quatorze Juillet» (1933) –, die der Welt vor Ohren führten, wie einfallsreich man das neue Mittel einsetzen konnte: Dialog, Musik und Geräusch können einander jederzeit ersetzen, Bild und Klang sich auf witzige Weise widersprechen oder kommentieren.

In «A nous la liberté!» etwa sehen wir einen Arbeiter einer Grammofonfabrik auf einer Wiese «dirigieren» und hören Gesang, der aus einer Blume zu kommen scheint, die auch noch die Form eines Grammofontrichters hat.

Bald danach ging Clair nach Grossbritannien und Hollywood; auch dort drehte er fantastisch angehauchte Liebes­komödien mit satirischem Einschlag und originellen Tricks, wie etwa «I Married a Witch». Nach dem Krieg zurück in Frankreich, versuchte er, mit nostalgischen Kostümfilmen an alte Erfolge anzuknüpfen.

Doch sein Ruhm verblasste, sein kulissenhaftes Hinterhof-Paris der kleinen Leute und Gauner geriet erst unter Putzigkeitsverdacht, dann in Vergessenheit. Das hat einer der unverwechselbarsten Stilisten des Kinos nicht verdient. Doch das Gute an grossen Vergessenen ist: Sie lassen sich jederzeit mit Gewinn wiederentdecken.

Do 22.11. bis Mo 31.12.
Filmpodium
Nüschelerstr. 11
www.filmpodium.ch


Drei Highlights aus René Clairs vielfältigem Schaffen

Entr'acte
Von René Clair, F 1924; 22 min.

Clairs Zweitling von 1924, das vornehmste Beispiel eines dadaistischen Films, ist als Pausenfüller für ein Ballett entstanden und hat nichts an absurdem Humor und spukhafter Suggestionskraft eingebüsst. Man kann darin die damalige Creme der Avantgarde wie Picabia, Satie, Man Ray und Marcel Duchamp bei seltsamem Tun beobachten. (jum)

Im Programm «Le voyage imaginaire», zusammen mit «La tour» (1928)
Do 13.12., 20.45 Uhr; Stummfilme mit Livebegleitung

Claires Zweitling: «Entr'acte». Video: YouTube/A cinema history

À nous la liberté
Von René Clair, F 1931; 104 min.

Fünf Jahre vor «Modern Times» (1936) schuf Clair seine heitere Satire auf entfremdete Arbeit in Zeiten der Massenproduktion, deren Fliessbandszene ziemlich sicher Chaplins unsterblichen Klassiker inspiriert haben dürfte. Was wieder einmal zeigt, wie kontraproduktiv das Gewese um «geistigen Diebstahl» im Kulturbereich ist. (jum)

Fr 23.11., 15 Uhr
So 25.11., 18.15 Uhr
So 9.12., 20.45 Uhr

Heitere Satire: «À nous la liberté». Video: YouTube/cizia69

I Married a Witch
Von René Clair, USA 1942; 77 min.

Der witzigste und fantasievollste von Clairs Hollywood-Filmen ist diese leichtfüssige Komödie über eine wiedererstandene Hexe (Veronica Lake), die den Nachfahren (Fredric March) ihres puritanischen Häschers plagt und bezirzt. Ein Geschenk für Fans von Veronica Lake, der erotischsten Hexe seit Gundel Gaukeley. (jum)

Do 29.11., 18.15 Uhr; Einführung: Julia Marx
Sa 8.12., 15 Uhr
Sa 15.12., 20.45 Uhr

Leichtfüssige Komödie: «I Married a Witch». Video: YouTube/The Old Hollywood Times

Erstellt: 21.11.2018, 17:03 Uhr

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