Hier kollidiert alles heftig

Von einem Israeli in Frankreich erzählt «Synonymes», der Siegerfilm der letzten Berlinale. Fies, komisch, verführerisch.

Den gelben Mantel hat Yoav (Tom Mercier) von Pariser Bohemiens geschenkt bekommen: die drei Protagonisten in «Synonymes».

Den gelben Mantel hat Yoav (Tom Mercier) von Pariser Bohemiens geschenkt bekommen: die drei Protagonisten in «Synonymes».

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Erst wenige Minuten sind vergangen, da liegt Yoav schon im Sterben. Der Israeli kommt im Winter in einem leeren Pariser Appartement an und wärmt sich in der Dusche auf, nur werden ihm in dieser Zeit Kleider und Schlafsack gestohlen. Ob der Kälte verliert Yoav das Bewusstsein und liegt in der Badewanne wie der Märtyrer im Gemälde «Der Tod des Marat».

Die Anspie­lung auf die Ikone der Französischen Revolution ist sicher gewollt, schliesslich verbrachte der israelische Regisseur Nadav Lapid («The Kindergarten Teacher») nach seinem Militärdienst einige Jahre in Paris und macht diese Erlebnisse nun zu einem tragikomischen Film, der ein knifflig-­kluges Spiel mit den Identitäten treibt.

Zwischen Freiheitsidealen und Gewalt

Der Ex-Soldat Yoav nämlich wird von zwei sehr französischen Bohemiens gerettet und mit einem senfgelben Mantel ausgestattet. So beginnt er, ein Land zu erobern, dessen Freiheitsideale ihm verheissungsvoller erscheinen als die Gewalt in der Heimat. Yoav will nur noch Französisch sprechen, weshalb er ein Wörterbuch bei sich trägt, aus dem er Synonyme deklamiert.

Gescheite Reflexion über die Identitätswirren: «Synonymes». Video: YouTube/Cine maldito

Grandios der Darsteller Tom Mercier, der die Sache mit dem Verkörpern so wörtlich nimmt, dass er offenbar am liebsten ohne Kleider spielt. Das führt zu unvergesslichen Szenen, darunter jene, in der Yoav für einen schmierigen Fotografen Modell sitzt und im unangenehmsten Moment die Lust am hebräischen Ausdruck wiederfindet.

Ähnlich wie ein Synonym

Nicht alle Einfälle sind gleich gut, aber insgesamt ist das ein lebhaft provokativer und ungemein reichhaltiger Film, wie man ihn lang nicht mehr gesehen hat. Hier kollidiert alles heftig, Handlungsdrang und Tatenlosigkeit, Widerstandskraft und Selbstgefälligkeit. Aber einer wie Yoav passt doch nirgends richtig hin, bleibt ähnlich, aber nicht identisch, wie ein Synonym. Aufs Fieseste kompliziert Nadav Lapid die Vorstellungen von soldatischer Virilität wie auch die Versprechen im Land der Bürgerrechte.

In Frankreich geniessen jene Freiheiten, die gar nicht mehr davon erzählen können, weshalb sie überhaupt erstritten wurden, schliesslich sind es nun andere, die kämpfen müssen. Die Staatskunde­lehrerin redet nur von der Marseillaise, aber Yoav schmettert sie ihr entgegen.

Houdini
Badenerstrasse 173
16 Uhr, 18.30 Uhr, Do / Sa–Mi 21.20 Uhr
www.kinohoudini.ch

Erstellt: 07.06.2019, 10:14 Uhr

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