«Ein Mann der Knete»

Der Erfinder von Wallace & Gromit über Plastilinfiguren im Computerzeitalter, Französisch sprechende Bösewichte und die Tatsache, dass in seinem neuen Film «Early Man» der Fussball bereits in der Steinzeit erfunden wurde.

Zurück in die Steinzeit in «Early Man». Was ist das für ein rundes Leder?

Zurück in die Steinzeit in «Early Man». Was ist das für ein rundes Leder?

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Nick Park, wieso spielen Ihre Steinzeitmenschen Fussball?
Ich wollte nicht einfach ein weiteres Höhlenbewohner-Abenteuer drehen. Seit meiner Kindheit bin ich ein Fan solcher Filme, zum Beispiel von «One Million Years BC». Darin spielte Raquel Welsh mit, aber das war mir damals egal. Ich bewunderte die Saurier von Trickfilmpionier Ray Harry­hausen. Ich glaube sogar, die sind schuld daran, dass ich selber mit einer Kamera zu experimentieren begann.

Aber die Fussballer?
Am Anfang von «Early Man» skizzierte ich, wie immer, ein wenig herum. Ich zeichnete Steinzeitfiguren mit diesen typischen Holzprügeln in der Hand. Das sieht ja aus wie Sport, durchfuhr es mich, ich dachte an Baseball und Tennis. Dann ergab eines das andere, bis ich die Grundidee hatte: Was, wenn die Höhlenbewohner den Fussball erfunden hätten? Alsbald begann ich mit konkreten Figuren zu spielen.

Die meisten Animationsfilme werden heute im Computer gemacht.
Ich kann Ihnen versichern, dass alle Figuren aus Plastilin sind. Ich bin und bleibe ein Mann der Knete.

Also keine Computer?
Doch, aber nur zur Unterstützung. Die Figuren wurden wie immer in der guten alten Stop-Motion-Technik bewegt, Schritt für Schritt. Aber selbst eine einfache Szene, bei der zum Beispiel ein Blatt vom Baum fällt, ist so eine Riesensache, jeder Millimeter zählt. Wenn man einen Fehler macht, kann man das heute mithilfe des Computers ­einfacher zurechtrücken. Oder man kann den Himmel später einfügen, dann muss man sich beim Drehen nicht um die Wolken kümmern. Es braucht so weniger Platz für die Dreharbeiten.

Wieso weniger Platz?
Weil man den Hintergrund eben im Computer animieren kann und nicht mehr viel Tiefe geben muss in den Aufnahmestudios. Wir haben «Early Man» wie immer in Bristol gedreht, in einer Halle, die etwa so gross ist wie ein Fussballfeld. Die ganze Fläche haben wir in 40 Studios unterteilt. Ich bin wie ein Teamchef von einem zum anderen gerannt. Bei einzelnen Szenen habe mich manchmal selber verflucht, dass ich Fussball gewählt habe. Denn da stehen immer mindestens 22 Menschen auf dem Platz.

Sind Sie denn ein autoritärer Teamchef, vielleicht wie José Mourinho von Manchester United?
Kann ich nicht sagen, weil ich kein riesiger Fussballfan bin.

Kein Fussballfan? Wenn Weltmeisterschaft ist, lasse ich mich vom Fieber anstecken. Aber den Clubfussball ­verfolge ich nicht Wochenende für Wochenende. Für «Early Man» war das ein Vorteil, es sollte schliesslich ein Film für alle werden. Unter den Mitarbeitern hatte es genug Hardcore-Fussballfans, die schauten, dass die Details stimmen.

Es geht in gewissem Sinn um Grossclubs, die immer gieriger werden.
Exakt. Dem Bösewicht geht es nur ums Geld, er interessiert sich nicht für das Spiel.

Wieso spricht er mit französischem Akzent?
Gute Frage, sind Sie Franzose?

Nein, Schweizer.
Ah ja, verstehe, auch da wird Französisch gesprochen. Für uns klang ein solcher Fussball-­Tycoon einfach witziger. Aber klar, haben wir ­darüber nachgedacht, ob wir es wirklich tun sollen, gerade wegen des Brexit wollten wir ganz bestimmt keine antieuropäischen Gefühle aufkommen lassen. Tom Hiddleston, der den Bösewicht spricht, kann mühelos Akzente wechseln, wir haben es auch Englisch aufgenommen. Sogar unser Co-Produzent aus Paris sagte: ­Französisch klingt es doch viel lustiger.

Sie selber geben Hognob die Stimme, einer Mischung zwischen Schaf und ­Wildschwein.
Ich grunze nur ein bisschen. Als wir begannen, haben wir einige Figuren grob animiert, um zu schauen, ob es überhaupt funktioniert. Da haben wir unsere eigenen Stimmen darübergelegt. ­Meine Kollegen befanden dann, ich quietsche als Wildschwein so echt, dass wir uns Kosten für einen Schauspieler sparen können.

Es steckt ein wenig von Ihrer Kultfigur Gromit in diesem Hognob.
Ich weiss, aber ich denke, das sind Äusserlichkeiten. Der Hund Gromit ist viel kultivierter, er ist fast beleidigt, wenn er wie ein Haustier behandelt wird. Hognob dagegen ist ein zufrieden grunzendes Tier.

Wird es einen weiteren «Wallace & Gromit»-Film geben?
Es ist verzwickt, weil Peter Sallis letztes Jahr verstorben ist, der Wallace sprach. Diese Lücke ist fast nicht zu füllen. Aber ausschliessen will ich es nicht. Ich hätte schon noch ein paar Ideen.

Ihre Aardman-Studios sind immer noch ein Markenzeichen. Wie ist es Ihnen in all den Jahren gelungen, die Integrität zu behalten?
Der kommerzielle Druck ist schon gross. Aber wir wollen bleiben, für was wir stehen. Je weiter wir von Hollywood entfernt sind, desto besser gelingt uns das. Als Computerfilme wie «Toy Story» aufkamen, fragten wir uns in Bristol allerdings schon, wie lange wir noch haben.

Offensichtlich ziemlich lange.
Seltsamerweise gibt es unterdessen eine Art Gegenbewegung, es werden wieder mehr Stop-Motion-Filme produziert. Auch renommierte Regisseure wie Tim Burton und Wes Anderson arbeiten so. Bei Ihnen in der Schweiz entstand ja mit «Ma vie de Courgette» ebenfalls ein Puppen­film, den wir alle lieben bei Aardman. Stop- Motion ist heute etwas Spezielles und damit schon wieder ein Verkaufsargument.

Inwiefern?
Es ist eben handgemacht, und man kann Dinge tun, die im Computer nicht funktionieren. Ich finde es zum Beispiel wunderbar, dass die Höhlenbewohner in «Early Man» echtes Haar haben. So etwas ist im Computer nämlich immer noch praktisch unmöglich zu animieren, schauen Sie einmal aufs Haar in solchen Filmen. Bei unseren Höhlenbewohnern dagegen sitzt die Frisur perfekt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2018, 15:06 Uhr

Early Man

Die prähistorische Welt ist ein Ödland, grün und schön ist es nur in einem kleinen Tal. Hier leben Steinzeitmenschen, darunter Dug (Stimme: Eddie Redmayne) und sein Wildsauschaf Hognob. Aber dann werden sie alle von Bronzezeitmenschen hinausgeworfen, denn die wollen dort Erz abbauen. Um ihr Tal zurückzubekommen, fordern die Steinzeitler die Bronze­leute zu einem Fussballspiel heraus. Ein bisschen «The Flintstones», ein bisschen Sportfilm, und fertig ist das neue Knetmännchen-Abenteuer aus den Aardman-Studios. Das ist ganz witzig und charmant, aber die Abenteuer von Wallace und Gromit oder Shaun dem Schaf waren dann doch etwas einfallsreicher. (ggs)
In diversen Kinos

Aardman-Meilensteine

1989: «Wallace & Gromit»
«A Grand Day Out» hiess der erste 23-minütige
Film über den spleenigen Erfinder Wallace und
seinen Hund Gromit. Regie führte Nick Park,
der damit zu den von Peter Lord und David Sproxton
gegründeten Aardman Studios stiess.

1989: «Creature Comforts»
Kurzfilm, in dem diversen Zootieren vorher
geführte reale Interviews zu politischen
und sozialen Themen in den Mund gelegt
wurden. Nick Park führte die Idee ab
2003 als TV-Serie weiter.

1993: «The Wrong Trousers»
Zweiter «Wallace & Gromit»-Film, der ab 1995
dann mit «A Close Shave» in
einem Programm gezeigt wurde.

2000: «Chicken Run»
Hühner versuchen, aus der Farm
auszubrechen. Zusammenarbeit mit
Hollywoods Dreamworks-Studio, den
Gockel sprach Mel Gibson.

2015: «Shaun the Sheep Movie»
Das Schaf aus «Wallace & Gromit» erhielt zuerst
eine eigene TV-Serie. Und dann
diesen Kinofilm. Er soll 2019 fortgesetzt werden.

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