«Im Horrorgenre kommt man nicht um Klischees herum»

Im Horrorfilm «Hereditary» wird einer Familie übel mitgespielt. Wir trafen den New Yorker Regisseur Ari Aster am Fantastic Film Festival in Neuenburg.

Hat ihre Mutter verloren, nun schwebt die ganze Familie in Gefahr: Annie (Toni Collette) und ein Mann, der in Flammen steht.

Hat ihre Mutter verloren, nun schwebt die ganze Familie in Gefahr: Annie (Toni Collette) und ein Mann, der in Flammen steht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie spielen Ihren Figuren ganz schön übel mit. Das gehört wohl zu den Freuden eines Regisseurs?
Ja, besonders im Horrorgenre. Egal, ob man jetzt zynisch vorgeht und seine Protagonisten bloss foltern will oder ob man etwas mit mehr Tiefe probiert: Letztlich schaffst du eine Welt, in der Menschen Schlimmes passiert.

Besonders schlimm triffts in «Hereditary» das Mädchen Charlie. War die Rolle schwierig zu besetzen?
Ich war sehr nervös, als wir eine Schauspielerin für die Rolle suchten, und war wahnsinnig erleichtert, als wir Milly Shapiro fanden. Ich hatte vorher nie wirklich mit Kinderdarstellern gearbeitet, aber Milly ist die professionellste Schauspielerin, mit der ich es je zu tun hatte. Mit zehn Jahren gewann sie bereits einen Tony-Award, als sie am Broadway die Titelrolle in «Mathilda» spielte. «Hereditary» ist ihr erster Film, aber sie stand schon oft auf der Bühne.

Und wie war die Zusammenarbeit mit Toni Collette?
Einen Star wie sie dabeizuhaben, war ein grosses Ding. Die Produktion wurde überhaupt erst möglich, als sie dazukam, dafür werde ich ihr immer dankbar sein. «Hereditary» ist zwar ein kleiner Film, aber er ist immer noch grösser als die meisten Regiedebüts. Für das Innere des Familienhauses haben wir zum Beispiel ein ganzes Set gebaut, das liegt bei einem Erstlingsfilm normalerweise nicht drin.

Wenn man einen Genrefilm macht, ist es besser, man liebt das Genre, nicht?Ari Aster, Regisseur


Man bekommt den Eindruck, dass Sie nicht nur mit Figuren, sondern auch mit den Klischees des Horrorgenres gern spielen.
Gerade im Horrorgenre kommt man ja nicht um Klischees herum. Einige kann man vermeiden, aber würde man zu viele weglassen, würde man keinen Horrorfilm mehr machen. Ob es jetzt um spezifische Sachen geht wie Séancen, dämonische Besessenheit ...

... oder die Kleider auf dem Stuhl, die im Dunkeln aussehen wie ein Geist.
Genau. Oder dann gibt es so allgemeine Sachen wie: Das ist ein Horrorfilm, also müssen den Figuren furchtbare Dinge zustossen. Mir macht es Spass, diesen Traditionen die Reverenz zu erweisen. Wenn man einen Genrefilm macht, ist es besser, man liebt das Genre, nicht? Aber ich will dem Genre meinen persönlichen Stempel aufdrücken.

Ich liebe, was David Cronenberg mit Blut und Gedärmen anstellt, es liegt eine echte Schönheit darin.Ari Aster, Regisseur


Sie sind also ein echter Horrorfan?
Schon als Kind war ich von Horrorfilmen besessen, von «Rosemary’s Baby», «Psycho» oder «The Shining». Ich liebte auch die besonders grausigen, wie «Hellraiser», oder Slasherfilme; die kann ich heute nicht ausstehen. In den letzten Jahren hab ich die Begeisterung fürs Genre ein wenig verloren, vielleicht weil so viele schlechte Horrorfilme ins Kino gekommen sind. Hier am Festival in Neuenburg leitet David Cronenberg die Jury, er ist einer meiner Helden. Viel von seinem Body-Horror-Zeug ist auch in meinen Film eingesickert. Ich liebe, was er mit Blut und Gedärmen anstellt, zum Beispiel in «The Fly», es liegt eine echte Schönheit darin.

Gehört auch Dario Argento zu Ihren Einflüssen? «Hereditary» ist ja ebenfalls sehr stilbewusst.
Ja, da ist einiges von Argento drin, gerade was das Albtraumhafte der Handlung anbelangt. Und Argento ist wirklich einer der puren Stilisten des Genres. Ich finde es interessant, dass «Suspiria» neu verfilmt wird. Da widersprechen mir zwar viele, aber ich finde, das ist ein toller Film für ein Remake.

Ich war auch erst skeptisch. Bis ich hörte, dass Luca Guadagnino das Remake macht, der Regisseur von «A Bigger Splash» und «Call Me By Your Name».
Er hat einen ganz anderen Stil als Argento. Das Remake wird jetzt schon stark gehypt, wies ja auch mit «Hereditary» war. Ich erinnere mich, wie der Hype anfing und ich mir Sorgen machte, dass das für viele Leute zwangsläufig zur Enttäuschung führt. Es heisst immer wieder, das sei der gruseligste Film seit weiss nicht wie lang, aber die Leute haben ganz unterschiedliche Erwartungen, was gruselig ist.

Wird als einer der grusligsten Horrorfilme seit langem gehandelt: «Hereditary». Video: Youtube/Ascot Elite

Wie steht es denn sonst um das Horrorgenre heutzutage?
Man hört oft von der Renaissance des Horrorfilms, dem neuen goldenen Zeitalter. Aber gute Werke gab es immer. Andererseits: Als «Rosemary’s Baby» rauskam, gab es zugleich eine Flutwelle von miserablen B-Filmen. Geändert hat sich höchstens, dass wir in den letzten Jahren sehen, wie viel Geld billige Horrorfilme einbringen können. Aber in jedem Genre gibt es Leute, die bloss nach den Einnahmen schielen, und jene, die eine Chance sehen, etwas zu sagen, das sie in einem anderen Genre weniger gut sagen könnten. «Hereditary» zum Beispiel ist ein Film über Trauer und Leiden, und ich hatte das Gefühl, dass ich in meiner Aussage im Horrorgenre kompromissloser sein konnte. All die pessimistischen Dinge, die ich zeigen wollte, werden in diesem Genre ja gerade zu Tugenden.

Aber hat «Hereditary» nicht auch eine witzige Seite?
Für mich ist der Film in vielerlei Hinsicht eine sehr schwarze Komödie. Der Humor soll aber nicht aufgesetzt sein, sondern sich aus der Handlung und den Figuren ergeben. Daraus, wie unerbittlich sich die Geschichte entwickelt, dass es immer schlimmer und schlimmer wird, bis es fast schon absurd wirkt.

Das erinnert mich an den Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Der sprach auch vom Komödiantischen am Schrecken und dass eine Handlung die schlimmstmögliche Wendung nehmen müsse.
Den muss ich mal lesen. Viele meiner liebsten Autoren und Filmemacher machen das wie er. Zum Beispiel Nathanael West («The Day of the Locust»): Sein Werk ist fast schon bösartig pessimistisch, aber auch extrem lustig. Und ich liebe das Werk des britischen Komikers Chris Morris («Four Lions»).

Ich will auch andere Genres ausprobieren, in verschiedenen Sandkästen spielen.Ari Aster, Regisseur


In Artikeln liest man manchmal, dass Sie gar kein Horrorregisseur sein wollen.
Da wurde ich etwas missverstanden. Ich liebe das Genre, «Hereditary» ist ein Horrorfilm, und auch mein nächster Film, «Midsommar», wird ein Horrorfilm sein. Aber ich will auch andere Genres ausprobieren, in verschiedenen Sandkästen spielen. Für mich stehen nicht die Genres im Zentrum, sondern die Figuren.

Können Sie eigentlich schon etwas über «Midsommar» verraten?
Es wird ein Film über eine Trennung, ein düsteres Liebesdrama. Ich stecke gerade in der Vorproduktion in Ungarn, eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein. (lacht)

In diversen Kinos

(Züritipp)

Erstellt: 18.07.2018, 14:46 Uhr

Hereditary

Von Ari Aster, USA 2018, 127 Min

Der Tod ihrer Mutter hinterlässt bei Annie (Toni Collette) gemischte Gefühle: Traurig ist sie ja schon, aber ein gutes Verhältnis hatten die beiden nie. Und anscheinend hatte die Alte ein Geheimnis, das Annies Familie in grosse Gefahr bringt – besonders ihre Tochter Charlie (Milly Shapiro). Ist das Horror, eine Komödie oder doch ein Familiendrama? Das weiss man nie so genau beim Langfilmdebüt von Ari Aster (32), der bisher mit schrägen Kurz­filmen wie «The Strange Thing About the Johnsons» auffiel. Der New Yorker spielt mit Genregrenzen, zeigt aber immer eine beinahe schon kindliche Freude daran, das Publikum zu schockieren mit schlimmen Bildern und noch schlimmeren Wendungen. Ein tiefschwarzer Spass. (ggs)

Artikel zum Thema

Kalter Schweiss gegen die Hitze

Zwei gestörte Serienmörder, eine verlassene Kirche und der Director's Cut eines Klassikers: Diese drei Schocker laufen in Zürcher Kinos. Mehr...

Der Zuschauer traut sich nicht mal mehr, Popcorn zu essen

Der ausgezeichnete Horrorfilm «A Quiet Place» erzählt von einer Welt, in der der kleinste Laut tödlich sein kann. Denn dann kommen die Monster, fledermausartige Dinger. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fakelträger: Junge Ungaren ziehen in Erinnerung an die Studentenproteste von 1956 durch die Strassen von Budapest. (22. Oktober 2018)
(Bild: Szilard Koszticsak) Mehr...