«Jetzt jage ich ein Schiff in die Luft»

Thomas Vinterberg macht mit «Kursk» das Gegenteil von seinen bisherigen Dogma-Filmen. Im Interview erzählt der dänische Regisseur, wies dazu kam.

Lehnt Hilfe aus dem Ausland ab: der russische Admiral (Peter Simonischek).

Lehnt Hilfe aus dem Ausland ab: der russische Admiral (Peter Simonischek).

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Waren das die schwierigsten Dreharbeiten Ihres Lebens?
Nein. Schwierig wird es, wenn man ein Drehbuch hat, das nicht funktioniert. Hier waren es eher technische Herausforderungen.

Wegen der Aufnahmen im gefluteten Schiffbauch?
Ja, die wurden im Studio gedreht. Deshalb mussten wir überlegen: Wie füllt man einen solchen Raum mit Wasser? Das ist gar nicht so einfach. Und wenn man 18 Schauspieler in einer Szene hat, braucht es auch 18 Taucher, die sie retten können. Ausserdem gibt es viel Strom und Licht, man muss höllisch aufpassen, dass die Kabel nicht ins Wasser fallen.

Sie wurden bekannt mit der Dogma-Bewegung, die allen Filmtricks abgeschworen hatte.
Und jetzt jage ich ein Schiff in die Luft. Aber das ist Teil meiner Entwicklung. Ich kam mir ein bisschen vor wie der Junge im Süsswarenladen, der nicht weiss, von was er naschen soll. Aber letztlich geht es auch hier um menschliche Schwächen und um Familien. Da fühlte ich mich sofort wieder zu Hause.

Es gab sehr rasch Schwierigkeiten, die Militärautorität wollte das Drehbuch lesen.Thomas Vinterberg

Sie drehten mit Schauspielern aus vielen europäischen Ländern, die alle Russen spielen. Kein Problem? Ursprünglich wollten wir den Film mit einer russischen Firma produzieren und an Originalschau­­plätzen drehen. Aber es gab sehr rasch Schwierigkeiten, die Militärautorität wollte das Drehbuch lesen. Sie hatten einige Anmerkungen, wenn man das so nennen will.

Zensur?
Nicht gerade. Aber es gab heftige Gespräche, wobei es nicht darum ging, den Film wahrheits­getreuer zu machen – sondern heroischer. Ich konnte die künstlerische Freiheit nicht in die Hände der russischen Admiralität legen. Darum habe ich entschieden, anderswo zu drehen.

Jetzt haben sie französische, belgische, deutsche und auch einen Schweizer Schauspieler, die alle Englisch sprechen.
Das war die grösste Herausforderung, die mich eine Weile sogar zögern liess, ob ich den Film überhaupt drehen soll. Englisch war ein Kompromiss. Aber alles auf Russisch zu synchronisieren, wäre auch blöd gewesen.

«Festen»-Regisseur Thomas Vinterberg hat einen Film über den Untergang der Kursk gedreht: «Kursk». Video: YouTube/Praesens-Film

Wie haben Sie die U-Boot-Crew zusammengestellt?
Alle mussten zum Casting kommen, auch die bekannten Namen. Ich wollte wirklich ein Team aus ihnen formen. Viele der Darsteller, wie zum Beispiel der Deutsche August Diehl oder der Schweizer Joel Basman, sind in ihrer Heimat sehr bekannt. Ihr Part ist, so gesehen, zu klein. Aber es ist ein Ensemblefilm.

Was stand für Sie bei der Geschichte der Kursk im Zentrum?
Der Mut dieser Männer unter Wasser. Sie sind vom Erstickungstod bedroht, es kann nicht mehr lange dauern. Die Frage, wieso wir Menschen sterben müssen, beschäftigt mich stark. Meine Frau hat sich kürzlich zur Pfarrerin ausbilden lassen, ich stelle ihr die Frage jeden Tag. In unserer modernen Gesellschaft haben wir verlernt, über den Tod zu sprechen. Aber eigentlich sind wir alle in der Situation dieser Besatzung. Uns läuft die Zeit davon.

Arena/Kosmos

Erstellt: 10.07.2019, 08:50 Uhr

Kursk

Von Thomas Vinterberg, F?/?B?/?Lux 2018; 117 Min.

Am 12. August 2000 sank das russische Atom-U-Boot Kursk nach einer Explo­sion an Bord auf den Meeresboden. Ein Teil der Besatzung überlebte, aber der Sauerstoff im Schiff wurde knapp. Die Männer kämpften ums Überleben, während sich ihre Angehörigen draussen mit der Bürokratie herumschlugen. Es ist schon gewöhnungsbedürftig, dass die russischen Menschen von Schauspielern wie Léa Seydoux, August Diehl, Max von Sydow und auch Joel Basman gespielt werden, die allesamt Englisch sprechen. Davon abgesehen hat Thomas Vinterberg, einer der Ur-Protagonisten der dänischen Dogma-Bewegung («Festen»), das Drama solide insze­niert. Besonders die Bilder aus dem U-Boot entwickeln einen mächtigen Sog. (ml)

Thomas Vinterberg (50)

Der dänische Regisseur wurde 1998 mit dem Dogma-Film «Festen» bekannt. Sein «Jagten» (2012) mit Mads Mikkelsen schaffte es bis an die Oscars, wo das Drama als bester fremdsprachiger Film nominiert war.

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