Maggie Gyllenhall fordert bessere Rollen für Schauspielerinnen

Die Schauspielerin ärgert sich über die männerlastige Sichtweise vieler Werke. Eine Begegnung auf dem Set ihres neuen Films.

Sie ist die Tochter zweier Filmemacher und die ältere Schwester von Jake Gyllenhaal: Maggie Gyllenhall.

Sie ist die Tochter zweier Filmemacher und die ältere Schwester von Jake Gyllenhaal: Maggie Gyllenhall. Bild: Getty Images

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Als sie 2017 Mitglied der Berlinale-Jury war, ärgerte sich Maggie Gyllenhaal. In zwei Wochen hatte sie 25 Filme gesehen. «Zwar gab es darunter einige wunderbare Schauspielleistungen von Frauen, aber einer der Filme handelte von einer Frau, die besessen von ihrem Liebhaber ist, und in zwei anderen waren die Frauen geistig krank», sagt sie. «In meinem Leben habe ich nur sehr wenige Frauenfiguren im Kino gesehen, die ich mit meinen eigenen Erfahrungen in Verbindung hätte bringen können.»

Als Produzentin zweier Projekte hat sie nun die Möglichkeit, dieses Problem selbst anzu­gehen. Gyllenhaal spricht mit uns in New York am Set von «The Kindergarten Teacher». Bei dem Zweitling der Regisseurin und Drehbuchautorin Sara Colangelo («Little Accidents») handelt es sich um ein Remake des gleichnamigen israelischen Films. Gyllenhaal spielt Lisa Spinneli, eine ruhelose Kindergärtnerin, die sich für die scheinbar genialen Gedichte eines fünfjährigen Schülers einzusetzen beginnt.

«Ich wollte an allen Entscheidungen beteiligt sein, die für den Film zentral sind, nicht nur an der Schauspielerei.»Maggie Gyllenhall

Der Film wurde fast vollständig von Frauen entwickelt, darunter mehrere Produzentinnen. Gyllenhaal sagt, dass sie schliesslich ebenfalls eine Produzentenstelle übernahm, weil ihr der Erfolg von «The Kindergarten Teacher» mehr und mehr am Herzen lag. «Ich wollte an allen Entscheidungen beteiligt sein, die für den Film zentral sind, nicht nur an der Schauspielerei», so die Amerikanerin. «Der Film stellt die Verfassung einer Frau ins Zentrum und zeigt eine spezifisch weibliche Erfahrung.»

Vom Kindergarten zum Porno

Vor «The Kindergarten Teacher» besetzte sie bereits bei der HBO-Serie «The Deuce» eine Produzentenstelle. Das ist das aktuelle Projekt von David Simon («The Wire») und erzählt von der aufstrebenden Pornoindustrie in den Siebzigern. Gyllenhaal gibt darin die Prostituierte Eileen Merrell, genannt Candy, die zur Pornodarstellerin und -regisseurin wird. Als der Bezahlsender die Rolle an die Schauspielerin herantrug, hatte Simon erst drei der ersten acht Episoden geschrieben. Obwohl der Serienentwickler hohe Anerkennung geniesst, schreckte Gyllenhaal davor zurück, Candy zu spielen. Sie habe nicht vorschnell eine Rolle übernehmen wollen, die sich vielleicht als arg simplifiziert erweist. «Oft genug müssen Frauen jede Rolle nehmen, die sie kriegen», so Gyllenhaal.

War nicht nur Schauspielerin in der HBO-Serie, sondern auch Produzentin: «The Deuce». Video: YouTube/FilstopTrailers

Stattdessen machte sie HBO einen Vorschlag: «Ich wollte das nicht spielen, ohne zu wissen, was für eine Geschichte wir erzählen», sagt sie. «Ich wollte sichergehen, dass ich am Schreibprozess beteiligt sein würde, also forderte ich eine Stelle als Produzentin.» Ihr eigenes Management war skeptisch, ob sie damit durchkommen würde. «Alle sagten: ‹Das gestehen sie dir nie zu, bei einem Projekt dieser Grössenordnung›», so Gyllenhaal. «Aber sie haben mich tatsächlich zur Produzentin gemacht. Und es war nicht bloss eine Nennung im Abspann, sondern eine echte Zusammenarbeit.»

Grosse Pläne

Nach «The Deuce» und «The Kindergraten Teacher» will Gyllenhaal weitere Erfahrungen im Produzieren sammeln. «In gewisser Hinsicht übernimmst du als Schauspielerin sowieso Produzentenaufgaben, wenn du an einem kleinen Independent-Film arbeitest», sagt sie. «Da fragt zum Beispiel jemand: ‹Kennst du einen Kameramann? Kannst du ihm eine E-Mail schreiben?› Oder: ‹Du kennst doch diese oder jene Leute – kannst du mit ihnen zum Mittagessen gehen und sie fragen, ob sie sich an der Finanzierung beteiligen würden?› Und später muss ich dann zu einem Abendessen mit potenziellen Einkäufern von verschiedenen Filmfestivals. So übernimmst du automatisch Produktionsaufgaben.»

«Was das Produzieren anbelangt, habe ich mich inzwischen von einer totalen Anfängerin zu einer gewandelt, die so knapp Mittelstufenniveau erreicht»Maggie Gyllenhall

Gyllenhaal findet spannend, was sich im Vergleich zu früher verändert hat. «Heute ist alles anders als beispielsweise 2001, als ich ‹Secretary› drehte», sagt sie. «Es war gar nicht so schwierig, die zwei Millionen Dollar aufzutreiben, die der Film kostete.» Das sei eine ganz andere Welt gewesen. «Was das Produzieren anbelangt, habe ich mich inzwischen von einer totalen Anfängerin zu einer gewandelt, die so knapp Mittelstufenniveau erreicht», sagt die Schauspielerin. «Ich will vor allem Indie-Filme entwickeln.» Darüber hinaus arbeitet sie an ihrem Regiedebüt, der Adaption eines Elena-Ferrante-Romans.

Konzentration beim Nudelessen

Zurück zu «The Kindergarten Teacher». Erstmals hörte Gyllenhaal von Colangelos Drehbuch an einer Weihnachtsparty; zwei Bekannte sprachen sie darauf an. Ihren Agenten war das Projekt unbekannt, aber die Schauspielerin besorgte sich das Skript. Beim Durchlesen habe sie sich so enthusiastisch gefühlt wie bei den Drehbüchern zu «Secretary» und «Sherrybaby», zwei ihrer liebsten Rollen.

Lisa (Maggie Gyllenhaal) ist eine Kindergärtnerin mit literarischen Ambitionen: «The Kindergarten Teacher». Video: YouTube/Outside the Box

«Diese Geschichten sind auf die Perspektive von Frauen fokussiert, sie kommen mir selbst sehr real vor, sie bringen weibliche Erfahrungen auf den Punkt», sagt Gyllenhaal. Sie habe sich Drehbuchnotizen gemacht und half dabei, die Finanzierung sicherzustellen – so konnten die Filmemacher in New York drehen, statt ins günstigere Kanada ausweichen zu müssen. Am Set von «The Kindergarten Teacher» ist Gyllenhaal sichtlich darum bemüht, die Produktion am Laufen zu halten.

Es ist zwei Tage vor Drehschluss, das Team hat sich in ein enges Restaurant in Chinatown verkrochen. Es dreht eine Szene mit Gyllenhaal und ihrem fünfjährigen Co-Star Parker Sevak. Die Schauspielerin hilft ihrem viel jüngeren Kollegen dabei, die Konzen­tration zu wahren. In der Szene will die Kindergärtnerin von ihrem Schüler wissen, welche Dichter er bewundere.

Nicht nur müssen die Dialogzeilen stimmen, dazwischen müssen die beiden Schauspieler auch Nudeln essen. Gyllenhaal hat ein Ritual entwickelt, mit dem sie den Bub bei jeder Wiederholung zurück in die Szene bringt. «Wie sind die Nudeln?», fragt sie ihn, wenn die Kamera eingeschaltet wird. Dann flüstert sie ihm zu: «Bist du bereit?» Und so schlüpfen die beiden Schauspieler in ihre Rollen.

Riffraff
Langstrasse / Neugasse
16.30 Uhr, 18.30 Uhr, 20.40 Uhr
www.riffraff.ch

Erstellt: 06.02.2019, 13:46 Uhr

The Kindergarten Teacher

Von Sara Colangelo, USA 2018; 97 min.

Eine New Yorker Kindergärtnerin (Maggie Gyllenhaal) besucht einen Poesie-Schreibkurs. Der Dozent ist unbeeindruckt von ihren Gedichten, bis sie heimlich die genialen Gedichte eines 5-jährigen Schülers (Parker Sevak) vorliest und vorgibt, es seien ihre eigenen. Die Neuverfilmung des gleichnamigen israelischen Films beginnt gewöhnlich: Person mittleren Alters ist frustriert und gibt dann das Werk eines anderen als ihr eigenes aus. Aber gleichzeitig will die Lehrerin das Talent auch fördern, womit sie wiederum beim Umfeld des Kindes auf taube Ohren stösst. Was den Film wahrlich interessant und grossartig macht, ist die umwerfend sensible und teils saukomische Darstellung des jungen Parker Sevak. (msw)

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