«Man kann weinen, ohne Mitleid zu haben»

Bitte kein Sozialdrama: Der französische Regisseur Serge Bozon erzählt in «Madame Hyde» aufs Skurrilste von der Problemklasse in der Banlieue.

Die Lehrerin (Isabelle Huppert) ist nach einem Blitzschlag nicht mehr dieselbe.

Die Lehrerin (Isabelle Huppert) ist nach einem Blitzschlag nicht mehr dieselbe.

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Stimmt es, dass Sie selbst als Lehrer im Pariser Vorort unterrichtet haben?
Vor zwanzig Jahren. Ich habe versucht, Disziplin durchzusetzen. Schwierig. Ich hatte grosse Probleme, weil die Schüler ständig schwatzten.

Die Klasse in «Madame Hyde» besteht praktisch nur aus Jugendlichen mit arabischen oder nordafrikanischen Wurzeln. Das zeigen Sie beiläufig.
Der Rassismus in Frankreich richtet sich ja vor allem gegen arabisch­stämmige Menschen. Ich wollte aber kein Sozialdrama über einen Araber drehen, der Mühe hat, in Paris eine Wohnung zu finden. Dass es das gibt, weiss man ja schon. Genauso wie man weiss, dass in der Banlieue Sozialhilfebezüger leben. Ich wollte die Banlieue filmen, ohne die Menschen, die dort leben, zu bemitleiden. Kino ist ja kein Zeitungsartikel. Sondern Fiktion, wo Über­raschendes und Unverständliches geschieht.

Also gehts auch darum, Künstlichkeit herzustellen.
Ohne Stilisierung gibt es für mich keine Schönheit. Es ist immer ein Spiel zwischen Wirklichkeit und Stil. Das nenne ich den lebendigen Film: Er ist voller Kontraste und Verschiebungen. Heute findet man das vor allem im Genrekino. Ich möchte das wiederfinden, diese Vitalität des Populären.

Dazu gehören auch Überspitzungen? Gegen Ende hält die Lehrerin einen Vortrag, bei dem sie öfter umkippt.
Das ist der zentrale Moment. Die Lehrerin, die anfangs traurig war und sich dann in eine gute Lehrerin verwandelt hat, klappt ganz zusammen. Ich wollte ihren eifrigen Kampf gegen den Verschleiss darstellen. Wie sie sich immer wieder fängt, gegen alle Widerstände. Kippt sie dann um, sieht man zum ersten Mal die Schüler in Nahaufnahme.

Aus welchem Grund?
Einige weinen, und es ist das erste Mal, dass wir überhaupt Gefühle sehen. Ich wollte aber, dass der Schwächeanfall der Lehrerin die Zuschauer berührt, obwohl sie gleichzeitig einen sehr trockenen Vortrag hält. Aber genau diese Trockenheit bewirkt, dass die Gefühle nicht ins Sentimentale kippen. Man denkt dann nicht: «Ach, das arme Ding.» Es geht darum, dass die Emotionen eine Strenge, eine Härte behalten. Man kann weinen, ohne Mitleid zu haben.

Im Vortrag redet die Lehrerin von Interaktion. Das ist auch politisch zu verstehen, oder?
Sie braucht eine Analogie aus der Biologie: die Interaktion zwischen Genen und Umgebung. Wie verändert sich das bei unterschiedlichen Umgebungen? Natürlich war das eine Art, das politische Thema direkt anzusprechen. Die Umwelt der Banlieue bestimmt viele Dinge im Leben dieser Jugendlichen, wie ihre Hautfarbe auch.

Am Ende kommt Malik, der Schüler, der am meisten gelernt hat, in eine andere Schule. Ein Happy End scheint das aber nicht zu sein.
Überhaupt nicht. Zum einen versteht der neue Lehrer nicht, was Malik sagen will. Zum anderen schwatzen die Schüler drauflos, während er seinen Vortrag über seine alte Lehrerin hält. Aber das sagt der Schluss halt auch: Wie eine Flamme hat etwas auf ihn übergegriffen. Die Übertragung hat stattgefunden. Malik sagt es ja auch: Er will jetzt Wissenschafter werden, so Gott will. Voilà.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2018, 15:04 Uhr

Madame Hyde

Von Serge Bozon, Frankreich 2017; 95 Min

Madame Gequil (eine grossartig fragile Isabelle Huppert) ist keine gute Physik­lehrerin. Ihre Schüler in der Vorort-Berufsschule von Lyon dürfen nicht einmal Experimente durchführen. Erst als sie vom Blitz getroffen wird, kommt sie ins Glühen und schafft es, den gehbehinderten Aussenseiter Malik ins abstrakte Denken ein­zuführen. Allerdings kommt es auch vor, dass die elektrisierte Lehrerin nächtens Teenager in Flammen setzt. Serge Bozon («Tip Top») erzählt diese stark komische Story wie ein Ken Loach mit Clownnase: als oft irritierende Mischung aus Milieudrama, B-Movie und gezielt debilem Klamauk. Und hat man schon einmal einen solch aufrichtigen Volltrottel wie diesen Schuldirektor (Romain Duris) erlebt?


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