Weltdrama auf dem Segelboot

In «Styx» geht eine Ärztin segeln – und erlebt die Flüchtlingskrise aus der Nähe.

Die Seglerin holt einen Flüchtling zu sich ins Boot.

Die Seglerin holt einen Flüchtling zu sich ins Boot.

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Die deutsche Ärztin Rike (Susanne Wolff) macht es sich auch in den Ferien nicht bequem. Es entspräche nicht ihrem souverän zupackenden Temperament. Mausbeinallein will sie von Gibraltar nach Ascension segeln, über die Säulen des Herkules hinaus zu jener Insel im Südatlantik, wo Charles Darwin einst ein hybrides Paradies aus lauter Flora der britischen Überseegebiete plante (die Royal Navy begann 1854 tatsächlich mit der Anpflanzung, und aus dem künstlichen Eden ist einzigartige Natur geworden).

Eine stille, wenn auch sportive Reise soll das werden, Seele und Wind stehen günstig dafür. Auf sanfte Brise folgt aber schweres Wetter, und als es tagt nach einer tobenden Nacht, treibt vor Rikes Augen ein übervolles, havariertes Flüchtlingsschiff. Von Bord schreit es «Hilfe», Menschen springen ins Wasser, die alarmierte Küstenwache empfiehlt der Seglerin dringend Passivität aus vernünftigen Gründen (oder: was man halt so Vernunft nennt, wenn die Zeit keine mehr hat). Trotzdem nimmt Rike einen erschöpften jungen Schwimmer in ihr Boot. Und da hat sie nun das lebendige Elend vor sich, und es spricht zu ihr und hat Bitten; und das überstandene Unwetter scheint fast harmlos gegen das Sturmgemenge aus moralischen Ansprüchen und praktischen Erwägungen, das jetzt in der Frau wütet.

Video: YouTube/trigon -film

Das ist ein Weltdrama in der Nussschale. Man liest, die Hauptdarstellerin Susanne Wolff habe den Segelschein für die hohe See. Es nützt diesem Film. Denn der erzählt sehr kühl, sehr glaubwürdig und sehr eindringlich, wie jemand, der sonst seine Handgriffe und Notfalltechniken beherrscht, plötzlich in die elendeste Hilflosigkeit abstürzt. Nur manchmal, wenn die konzentrierte Dramatik einen empfindsamen Moment hat, fliessen ein paar Tränen zu viel.

Kosmos
Lagerstr. 104
13.45 Uhr, 18.20 Uhr, 20.45 Uhr
www.kosmos.ch

(Züritipp)

Erstellt: 23.09.2018, 09:05 Uhr

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