«Die Popkultur macht uns das vor»

Der US-Filmemacher David Robert Mitchell über seine zitatwütige Film-noir-Hommage «Under the Silver Lake».

Er ist einem Geheimnis auf der Spur: Sam (Andrew Garfield).

Er ist einem Geheimnis auf der Spur: Sam (Andrew Garfield).

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Ihre Referenz ist der L.A. Noir, Sie zitieren «Chinatown» oder «The Long Goodbye». Wird man selber paranoid, wenn man in Los Angeles einen Film noir dreht?
Der L.A. Noir ist für mich der Inbegriff der Geschichte von Hollywood. Er handelt von Deka­denz und ihrem Gegenteil, also von jenen, die sich nach Reichtum sehnen. Dank dem Noir kann man sich zwischen den beiden Welten bewegen und so die Stadt und ihre Geschichte zeigen. Oder zumindest jene Geschichte, die das Kino über die Stadt erzählt.

Haben Sie den Film gedreht, weil Sie fanden, dass Verfolgungswahn und Detektivfiguren interessante Konzepte sind?
Teilweise, solche Motive sind sicher wichtig. Aber ich sage nie: «Das ist jetzt mein Thema, davon handelt der Film.» Ich gestatte es mir, Ideen zu spüren. Das ist eher ein bisschen emotional.

«Auf dem Handy sieht man ja heute sofort, welch tolles Leben die ande­ren führen.»David Robert Mitchell, Regisseur

In Ihrem Film wimmelt es von Songs, Fanzines und Nintendo-Games. Jeder scheint über dieses popkulturelle Wissen zu verfügen, aber nur Ihr Held Sam ist einem besonderen Geheimnis auf der Spur. Sehnen wir uns alle nach dieser Schatzsuche?
Ich denke schon. Sam ist eine verlorene Figur. Er ist isoliert von der Welt und fühlt sich hingezogen zu den Dingen, von denen er denkt, dass sie etwas Spezielles aus ihm machen. Auf dem Handy sieht man ja heute sofort, welch tolles Leben die ande­ren führen. Das kann einen auch von den Menschen entfremden. Vielleicht suchen wir auch deshalb nach Bedeutung an Orten, wo sie vielleicht gar nicht existiert.

Sie treiben das bis zur Verschwörungstheorie – eine Welterklärung, die heute nicht gerade unpopulär ist.
Darin steckt auch das Verlangen, etwas Spezielles zu entdecken. Daran ist ja nichts verkehrt, solange man es nicht bis zum Zerstörerischen treibt. Popkultur macht uns das vor. Wollen wir nicht alle das Gefühl erleben, wie Super Mario auf einen Ziegelstein zu hauen, bis daraus ein Pilz hervorschiesst?

Eine Suche nach einer schönen Unbekannten: «Under the Silver Lake». Video: YouTube/AscotElite

In diversen Kinos

(Züritipp)

Erstellt: 05.12.2018, 16:07 Uhr

Under the Silver Lake

Von David Robert Mitchell, USA 2018; 139 min.

Sam (Andrew Garfield) bestreitet die Tage damit, in seiner Wohnung in Los Angeles Comics zu lesen und die Nachbarin zu beobachten. Als eine schöne Frau auf einmal verschwindet, macht er sich auf die Suche nach ihr und deckt eine wilde Verschwörung auf.
David Robert Mitchell, Schöpfer des smarten Horrors von «It Follows», denkt die Tradition des L.A. noir an ihr böses Ende: Der Detektiv aus Raymond Chandlers Zeiten schrumpft zum Slacker mit aggressiver Anspruchshaltung. Das ist auf böse Art klug, und Ideen über unsere Zeit gibts auch sonst sehr viele: konspiratives Denken als Popkultur, Paranoia-Lifestyle, die Sehnsucht nach Bedeutung, die Wut auf die Welt. Bloss wieso wirkt der Film so schlapp? (blu)

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