Zwei Künstler machen Provinzler glücklich

Für den Dokumentarfilm «Visages Villages» machen die 90-jährige Regielegende Agnès Varda und der Street-Art-Künstler JR die französische Provinz unsicher.

JR und Agnès gehen gemeinsam auf künstlerische Mission.

JR und Agnès gehen gemeinsam auf künstlerische Mission.

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Was passiert, wenn Menschen ihrem eigenen Bild begegnen? Eine banale Frage, könnte man meinen, denn natürlich passiert das tag­täglich. Allerdings sind die Bilder, die wir von uns sehen, für gewöhnlich klein, und sie flackern über private Bildschirme. In «Visages villages» dagegen sind sie riesenhaft und ausserdem Teil der Alltagswelt, des öffentlichen Raums.

Der Künstler JR ist bekannt geworden mit seinen grossflächigen Fotoinstallationen: Aufnahmen von Menschen, oder auch nur einzelnen Körperteilen, die er um ein Vielfaches vergrössert auf Hauswände, Eisenbahnwaggons oder Ähnliches tapeziert. Nun bereist er die französische Provinz mit Agnès Varda, der legendären Regisseurin von Nouvelle-Vague-Klassikern wie «Cléo de 5 à 7» (1962) oder «Le bonheur» (1965). Gemeinsam realisieren sie eine Reihe von Kunstprojekten.

Varda und JR treffen, unter anderem, auf einen Bauern, der allein und glücklich seine Felder ­bewirtschaftet, auf drei stolze Frauen von Hafenarbeitern, auf die Belegschaft einer Fabrik. Es geht dabei immer um zwei Dinge gleichzeitig: die ­Menschen kennen zu lernen und Bilder von ihnen ­anzufertigen. Wichtig ist ausserdem, dass die Fotografierten nicht zum blossen Objekt degradiert werden. Sie haben einerseits selbst Anteil an der Kunstproduktion, sie kontrollieren ihre eigene ­Inszenierung. Und andererseits sind sie, wenn das Kunstwerk fertiggestellt ist, dessen erstes Publikum. Besonders toll ist die Szene, in der die Frauen der Hafenarbeiter auf ihre Ebenbilder blicken - zusammengesetzt aus Dutzenden von Fracht­containern, hochaufragend, monumental und ehrfurchtgebietend wie antike Götterstatuen.

«Visages villages» ist vieles auf einmal: ein ­liebevolles Panorama der französischen Gegenwart abseits der Grossstädte; ein filmischer Essay über die ambivalente Funktion des Porträtbilds zwischen Branding und Selbstermächtigung; und nicht zuletzt das Dokument einer Begegnung zweier origineller Künstler, die sich zwischen und während der Fotoaktionen einen amüsanten Schlagabtausch liefern,in dessen Verlauf Varda, die am 30. Mai 90 Jahre alt wurde, ihre einmalige Karriere Revue passieren lässt. Kurz und gut: ein Glücksfall für das Kino – und die ­perfekte Ergänzung zur Varda­Retrospektive, die noch bis Ende Juni im Filmpodium zu sehen ist.

Riffraff
Langstrasse / Neugasse www.riffraff.ch
14.50 Uhr, 16.50 Uhr, 18.50 Uhr,
Do–Mi (ausser So) 20.50 Uhr

(Züritipp)

Erstellt: 30.05.2018, 12:36 Uhr

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