Am Anfang war der Jux

Am 15. Stummfilmfestival läuft unter anderem die Doku «Lumière!» – diese versammelt über 100 Kurzwerke der beiden Filmpioniere aus Lyon.

Die Lumière-Brüder schrieben auch mit Minikomödien Geschichte.

Die Lumière-Brüder schrieben auch mit Minikomödien Geschichte.

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Bei der Erfindung des Kinos im Jahr 1895 könnte man von einem Fotofinish sprechen. Im März führten die Lumière-Brüder «La sortie des usines Lumière» einem Fachpublikum vor. In dem knapp einminütigen Film strömen Arbeiter mittags aus der Lumière-Fabrik. Die Brüder drehten ihn mit einem Apparat, der als Cinémato­graphe berühmt werden sollte. Fast zur selben Zeit in New York: Die Latham-Brüder projizierten mit ihrem Eidoloscope einen Film, in dem sich zwei Knaben raufen. Sie waren die ersten, die Geld für den Kinobesuch verlangten. Dazu führten sie kurz darauf am Broadway für ein paar Pennys Kurzfilme mit Kampfszenen vor. Im Dezember 1895 luden dann die Lumière-Brüder im Grand Café in Paris zu einem Filmprogramm. Die dreissigminütige Vorstellung kostete 1 Franc. Anwesend waren 33 zahlende Gäste.

Alle Erfinder profitieren von Vorarbeiten; die Lumière-Brüder aber wurden zum Synonym für die Kinogeburt. Zwischen 1895 und 1903 schickten sie ihre Kameramänner in die Welt und häuften um die 1500 Kurzfilme, genannt «vues» an. «Die Lumière-Programme waren typischerweise Zusammenstellungen von anfänglich zehn, später bis zu zwanzig knapp einminütigen Filmen, dauerten also weniger als eine halbe Stunde», erklärt Stummfilmfestival-Kurator Martin Girod. Nur: Wie viele Lumière-Filme kennt man eigentlich? Kein Geringerer als Thierry Frémaux, künstlerischer Leiter des Cannes-Festivals, hat sich der Sache angenommen. Sein Archivfilm «Lumière!» ist eine Montage von 108 restaurierten Werken der Lumière-Brüder, begleitet von Frémaux’ Off-Kommentar und der Musik von Camille Saint-Saëns.

Der abendfüllende Lumière-Sampler ergänzt das diesjährige Stummfilmfestival im Filmpodium. Allzu hohe essayistische Qualität ist davon nicht zu erwarten, aber dafür ist Frémaux ein fröhlicher Conférencier im Variété Lumière: Er schwärmt von Familien- und Stadtszenen, begeistert sich für die Bildpracht. Manchmal plappert er oder wiederholt sich. Aber seine Freude über die Kindheit des Kinos ist ansteckend. Für den professionellen Franzosen Frémaux haben die Brüder so ziemlich alles erfunden, was Film ausmacht: Gags und Tricks, Fahrten und Alltagsbericht, ja, gar das Remake. Auch ihre Minikomödien setzt Frémaux ins rechte Licht. Links ein Beispiel: Ein Liebhaber verabschiedet sich von einer Frau und wird von zwei Männern eingesackt. Dabei schauen die Darsteller auch mal verschmitzt in die Kamera. Ein spielerischer Umgang mit dem Stoff der Realität, der sich auch in den dokumentarischen Sujets fortsetzt: Fiktion und Dokument gehörten seit Beginn des Kinos unentwirrbar zusammen. «Man kann ‹La sortie des usines› getrost als ersten – inszenierten! – Dokumentarfilm bezeichnen», so Girod. «Die ‹Spielszenen› dürften nichts anderes gewesen sein: In ‹Repas de Bébé› spielt die Familie Lumière eben Familie Lumière.»

«Lumière!» ist also nicht der schlechteste Teaser fürs Stummfilmfestival, das uns mit 25 Werken aus den gewohnten Bahnen des Blicks wirft. «Stummfilme drückten alles Wichtige bildhaft aus», so Girod. «Welch eine Erholung von den verbreiteten illustrierten Hörspielen!»

Filmpodium, Nüschelerstr. 11
www.filmpodium.ch
«Lumière!»: Do / Fr / Sa / Mo
Weitere Vorstellungen bis 21.1
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2018, 18:00 Uhr

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