«Am Schluss siegt der Populismus»

In «Chevalier» wollen sechs Griechen auf einer Jacht herausfinden, wer von ihnen der Beste ist. Wir sprachen mit der Regisseurin der absurden Komödie.

Eine Jacht wird zur Arena für groteske Wettkämpfe.

Eine Jacht wird zur Arena für groteske Wettkämpfe.

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«Chevalier» handelt davon, dass wir andere ständig beurteilen. Darf man den Film als Kommentar zum Rating-Denken von Facebook bis Yelp nehmen?
Schon, es ist nur nicht so explizit. Aber die Jacht, auf der die Männer das Spiel spielen, ist durchaus eine Art schwimmendes Facebook. Das Wichtigste für mich aber war zu erkunden, wie die Beziehung zu einem selber ­aussieht. Was ist das für ein Kampf, den man führt, wenn man sich ständig beweisen muss? Wir sind ja unsere eigenen schärfsten Richter.

Im Film werden Beurteilungen nach absurden Kriterien vorgenommen. Aber ists in der Leistungsökonomie von heute nicht so, dass der ganze Mensch dem Urteil ausgesetzt ist, mit all seinen Schwächen?
Ich denke, wir spielen jeden Tag «Chevalier». Jeder Wettkampf, den die Männer im Film austragen, erzählt von einer Angst. Es gibt also immer weitere Aspekte, wonach man jemanden beurteilen kann: von seinem Äusseren über die Fitness und die sexuelle Potenz bis zur Intelligenz. In «Chevalier» suchen die Männer ja denjenigen unter ihnen, der allgemein «der Beste» ist. Die sozialen Medien befördern diese Denkart. Ich habe in Griechenland in den letzten Jahren erlebt, wie nutzlos Politik geworden ist, wie Social Media nicht nur die Politik, sondern den Alltag ersetzt hat.

Wäre derselbe Film mit ausschliesslich weiblichen Figuren anders ausgefallen?
Nein, auch Frauen spielen das Spiel die ganze Zeit. Ich glaube, die Dynamik wäre vergleichbar, es gäbe einen ähn­lichen Unterton von Gewalt und Neid.

Spielt Neid eine zentrale Rolle?
Im Film bewerten sich diese Typen, weil sie neidisch aufeinander sind und sich messen wollen. Man sieht ja selten im Kino, dass ein Mann nach dem Aufwachen an seinem Aussehen zweifelt. Aber natürlich sorgen sich Männer auch darum. Nur hat dann der Wettbewerb keine Sieger. Am Ende gewinnt der, der eine populistische Rede hält. Es siegt der Populismus.

Ist Filmemachen auch permanenter Wettbewerb?
Ich glaube nicht. Die neue griechische Welle ist ja dank Freundschaften entstanden und weil wir alle verschiedene Rollen übernommen haben. Es bringt ja auch nichts, sich kompetitiv zu geben, nur um sich dann wie eine Verliererin vorzukommen. Aber klar, man muss schon eine Kämpferin sein, wenn man Regisseurin wird in einem Land, in dem man zu so einer Karriere nicht unbedingt ermutigt wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2017, 14:58 Uhr

Athina Rachel Tsangari.

New Greek Wave

«Attenberg» hiess der Film, mit dem die in Texas zur Regisseurin ausgebildete Griechin Athina Rachel Tsangari bekannt wurde. Das Porträt von zwei Freundinnen und ihrem tierisch-verspielten Weltekel begründete neben Yorgos Lanthimos’ «Dogtooth» die neue griechische Welle, der das Kino Xenix aktuell die Reihe «Hell Yes!» widmet. «Chevalier» hat dort nach der Uraufführung 2015 in Locarno Premiere: Sechs Taucher messen sich auf einer Jacht in der Ägäis, indem sie sich danach beurteilen, wie sie lachen, schlafen oder ihren Kaffee trinken. Es ist eine schön formalistische, ins Groteske gezogene Komödie über einen Alltag mit Scoreboard, in dem wir alle zugleich Kampfrichter und Wettkämpfer geworden sind. (blu)

«Chevalier»: Donnerstag/Freitag 20.30 Uhr; Samstag 21 Uhr; So 18.30 Uhr

Die Reihe «Hell Yes! Griechisches Kino» läuft bis am 29.11. im Xenix.

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