Aus Handwerk machte er Magie

Vor zwei Jahren zog sich der Schauspieler Daniel Day-Lewis aus dem Filmgeschäft zurück. Eine Retrospektive im Xenix zeigt, wieso das ein Jammer ist.

Als gewissenloser Ölbaron: Daniel Day-Lewis in «There Will Be Blood».

Als gewissenloser Ölbaron: Daniel Day-Lewis in «There Will Be Blood».

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Zweifellos wäre Daniel Day-Lewis ein hervorragender Schuster geworden. An Demut, Geduld und Sorgfalt hätte es ihm nicht gefehlt. Seine Schuhe hätten sich durch Anmut und Eleganz ausgezeichnet. Und wenn es der Stil erforderte, wären die Nähte sichtbar gewesen.

Ende der Neunziger hatte Day-Lewis die Filmwelt mit der Ankün­digung schockiert, fortan bei einem italienischen Schuhmacher in die Lehre zu gehen. Welches Kinoglück, dass der Schauspieler zu seinen Leisten zurückkehrte. Denn in seinem eigentlichen Metier hat er jene Könnerschaft erlangt, die Handwerk in Magie überführt. Seine Methode der Vertiefung ist legendär; dieser Darsteller scheint seine Rollen zu leben.

Nie gleich, immer brillant

Er will nicht hinter ihnen verschwinden, sich auch nicht in ihnen verlieren, sondern sie aufbauen wie ein Bildhauer, der Figuren aus Kontur und Innerem erschafft. Er verleiht ihnen gestische Selbstverständlichkeit; man schaue sich nur an, wie er in «The Last of the Mohicans» mit einer langläufigen Flinte hantiert: Als habe er sein Leben lang nichts anderes getan. Egal, in welche Epoche oder an welchen Ort ihn eine Rolle stellt, stets ist er in seinem Element.

Seit er 1986 schlagartig mit zwei völlig gegensätzlichen Rollen berühmt wurde – als schwuler Punk und Waschsalon­betreiber in «My Beautiful Laundrette» und als viktorianischer Feingeist in «A Room with a View» –, ist seine Karriere von unerbittlicher Vielseitigkeit bestimmt.

Er wird zu seiner Rolle

Day-Lewis ist der Sonder­fall des Charakterdarstellers als Filmstar. Keine Figur, die er für sich und das Publikum ergründen will, ist wie die andere. Ihm liegen die rabiaten, zürnenden Charaktere ebenso wie die verschlossenen; für Scorsese hat er dieses Spektrum mit «Age of Innocence» und «Gangs of New York» ausgemessen. Nur der Arbeitsprozess ist gleich: Seine Figuren, etwa der Ölsucher in «There Will Be Blood», der Lincoln in Steven Spielbergs Biopic oder der Mode­schöpfer in «The Phantom Thread», entwickelt er ganz aus seinem darstellerischen Material: dem Körper und der Stimme. Die Anstrengung darf sichtbar sein, aber sie ist das Unterpfand der Glaubwürdigkeit.

Falls «The Phantom Thread», wie Daniel Day-Lewis angekündigt hat, wirklich sein endgültiger Abschied vom Kino sein sollte, wäre das die Krönung seines Werks: das Porträt eines Künstlers, der besessen ist vom Handwerk der Schönheit.

Die Highlights der Retrospektive

My Left Foot

Von Jim Sheridan, Irl / GB 1989, 103 min.
Fr 13.12.–So 15.12. / Fr 27.12. / So 29.12.

Der gelähmte Künstler Christy Brown (Daniel Day-Lewis) kann bloss seinen linken Fuss bewegen. Das Biopic brachte dem Darsteller seinen ersten Oscar ein. (ggs)

Video: YouTube/Movie Trailers Ninja

The Last of the Mohicans

Von Michael Mann, USA 1992; 112 min.
Mo 16.12.–Mi 18.12.

In diesem Western spielt Day-Lewis einen Weissen, der vom Stamm der Mohikaner adoptiert wurde und sich in eine britische Offizierstochter verliebt. (ggs)

Video: YouTube/TrailersPlaygroundHD

Gangs of New York

Von Martin Scorsese, USA / I 2002; 167 min.
Fr 27.12. / Sa 28.12. / Fr 3.1. / Sa 4.1.

New York im 19. Jahrhundert: Ein irischstämmiger Mann (Leonardo DiCaprio) will sich rächen am Bandenführer William Cutting (Daniel Day-Lewis). (ggs)

Video: YouTube/Miramax

There Will Be Blood

Von Paul Thomas Anderson, USA 2007; 158 min.
Do 26.12. / Do 2.1.

Die Rolle des skrupellosen Ölbaron, der sich mit einem jungen Laienprediger anlegt, gab einen weiteren Oscar. (ggs)

Video: YouTube/Miramax

Phantom Thread

Von Paul Thomas Anderson, USA / GB 2017; 130 min.
Do 26.12. / Do 2.1.

Ein Damenschneider (Daniel Day-Lewis) lernt eine Frau (Vicky Krieps) kennen, die sein ganzes Leben infrage stellt. (ggs)

Video: YouTube/Universal Pictures Switzerland

Bis Mi 8.1.2020
Xenix
Kanzleiareal
www.xenix.ch

Erstellt: 15.12.2019, 09:02 Uhr

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