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Ausufernde Wut im Milieu

«Les Misérables» schildert die Situation in den Banlieues so eindrücklich, dass selbst Präsident Macron darauf reagiert hat.

Schwierigkeiten warten an jeder Ecke: Polizist Stéphane (Damien Bonnard, l.) ermittelt mit zwei Kollegen.
Schwierigkeiten warten an jeder Ecke: Polizist Stéphane (Damien Bonnard, l.) ermittelt mit zwei Kollegen.

Ladj Lys «Les Misérables» habe ihm klargemacht, wird Emmanuel Macron zitiert, dass die Situation in den Banlieues dringend verbessert werden müsse. Man kann sich natürlich fragen, warum es für diese Erkenntnis einen Film braucht; aber die Reaktion des französischen Präsidenten ist doch ein Zeichen dafür, dass Ly mit seinem Spielfilmdebüt nicht nur einen Polizei- und Gangster-Thriller unter vielen gedreht hat, sondern eine gesellschaftskritische Intervention im Sinn hat, die direkt auf das Politische zielt.

Das beginnt gleich in der ersten Szene: Ein paar Jungs ziehen jubelnd durch die Strassen und schwenken die Trikolore. Frankreich ist, wir befinden uns im Sommer 2018, Fussballweltmeister. Das ganze Land feiert, über alle sozialen und ethnischen Grenzen hinweg.

Sobald die Euphorie abgeklungen ist, sieht freilich alles ganz anders aus. Wenn der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) mit seinen beiden Kollegen in Montfermeil, 15 Kilometer östlich von Paris, auf Streife geht, offenbart sich ihm eine segregierte und konfrontative Gesellschaft. Kleinkriminelle Clans und Muslimbrüder beäugen sich argwöhnisch, der Staatsmacht traut erst recht keiner über den Weg – oft mit gutem Grund, wie sich bald herausstellt. Es bedarf nur einer vermeintlichen Kleinigkeit, in diesem Fall des Diebstahls eines Löwenbabys, um das fragile Gleichgewicht kollabieren zu lassen.

Der Film, der zwar nicht den Buchstaben, aber dem Geist von Victor Hugos sozialrealistischem Roman von 1862 verpflichtet ist, zeigt uns eine Welt im permanenten Ausnahmezustand. Am stärksten ist «Les Misérables» dann, wenn Regisseur Ly zeigt, was ein solcher Ausnahmezustand für die Betroffenen bedeutet: Wir verfolgen die dynamischen Konfliktlinien zwischen den einzelnen Gruppen, registrieren die mal aggressiv drohenden, mal ausweichenden Blicke, mit denen die Kontrahenten sich gegenseitig abschätzen, sind bei diversen Machtspielen und Vermittlungsversuchen zugegen und teilen vor allem die hilflose Frustration all derer, die am liebsten nur ihre Ruhe hätten. Man versteht, weshalb der Film auf der Shortlist für die nächste Oscarverleihung steht.

Weniger gut funktioniert «Les Misérables», wenn sich die Situation gegen Ende immer dramatischer zuspitzt: Die Figuren und ihr Milieu werden von einigen allzu konstruierten Drehbuchmanövern an den spekulativen Effekt verraten. So oder so ist jetzt erst einmal Macron am Zug.

Arthouse Piccadilly / Riffraff

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