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Big Brother auf hoher See

«The Raft» erzählt von einem Sozialexperiment, das unter sehr skurillen Bedingungen stattgefunden hat.

Die Bewohner des «Sexflosses»: der Soziologe (gelbes Shirt) und seine Probanden.
Die Bewohner des «Sexflosses»: der Soziologe (gelbes Shirt) und seine Probanden.

Sie denken, «Big Brother» oder «Das Dschungelcamp» seien Ende der Neunzigerjahre erfunden worden? Da kennen Sie wahrscheinlich das Acali-Experiment aus den Siebzigern noch nicht. Zu diesem wurde der mexikanische Anthropologe und Gewaltforscher ­Santiago Genovés inspiriert, als er 1972 eine Flug­zeug­entführung miterlebte. Voller Be­geisterung studierte er die Beteiligten des Vorfalls und wie sie sich in dieser Stress­situation verhielten. Und er beschloss, die Umstände nachzustellen, weil es ihm persönlich so viel Spass gemacht hatte.

Deswegen suchte er sechs junge, hübsche Frauen und fünf Männer, die mit ihm auf einem kleinen Floss in drei Monaten den Atlantik überqueren sollten. Er hoffte, dass sich die Teilnehmer bald an die Gurgel ­gehen würden und er diese Gewaltausbrüche – abgeschottet von der Zivilisation ohne Einmischung – würde studieren können. Um sicherzustellen, dass die Situation auch sicher eskalieren würde, dachte er sich einen besonders perfiden Plan aus: Er gab den Frauen auf dem Floss mehr Macht als den Männern. Der Kapitän war zum Beispiel eine schwedische Blondine und der Arzt eine anpackende Israelin.

Neue Freund- statt Feindschaften

Auf dem Kahn, von den Medien 1973 «Sexfloss» getauft, passierte dann aber – nichts. Die Männer und Frauen aus ­verschiedenen Ländern verstanden sich grossartig. Trotz der beengten Verhältnisse und der fehlenden Privatsphäre war der Umgang respektvoll. Es entstanden neue Freundschaften, die Leute bildeten eine friedliche Gemeinschaft.

Das wiederum konnte Genovés nicht akzeptieren. Deshalb begann er damit, die Teilnehmer gegeneinander aufzustacheln. Und dann geschah das, wovon wahrscheinlich so mancher gebeutelte Dschungelbewohner heimlich träumt: Es wurde ein Mord geplant. Allerdings nicht innerhalb der Gruppe, sondern an Genovés, der das Leben der Probanden mit immer perfideren Störmanövern in immer grössere Gefahr brachte.

«The Raft» ist ein äusserst lustiger Dokumentarfilm, wenn er leider auch einige Längen hat. Besonders die Nachstellungen wären nicht immer nötig gewesen, da es vorzügliches Originalfilmmaterial gibt. Die Geschichte aber zeigt, wie das Weltbild und die Vorurteile eines Wissenschaftlers eine Studie verfälschen können. Die Studienobjekte jedenfalls hatten eine grossartige Zeit, der Wissenschaftler weniger.

Houdini Badenerstr. 173 12 Uhr, 19 Uhr, 21.20 Uhrwww.kinohoudini.ch

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