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«Das ist ein Alarmschrei»

Sechs Fragen an den Regisseur von «Les Misérables», Ladj Ly. Im Film verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen in der Banlieue.

Der Regisseur wuchs bei Montfermeil bei Paris auf: Seit 2007 dreht er Dokus über die Banlieue.
Der Regisseur wuchs bei Montfermeil bei Paris auf: Seit 2007 dreht er Dokus über die Banlieue.

Ist Ihr Film autobiografisch?

Mein Kino ist realistisch. Ich erzähle, was ich erlebe im Quartier. Die Ereignisse von «Les Misérables» haben so stattgefunden, alle, von Anfang bis Ende.

Sind Sie in diesem Fall der Junge mit der Brille, der alles filmt?

Genau, das bin ich. Ich filme die Banlieue schon seit zwanzig Jahren. Zuerst habe ich Dokumentarfilme daraus gemacht, auch einmal einen über einen missglückten Polizeieinsatz. Die Kamera habe ich jetzt noch ständig bei mir, wie dieser Knabe namens Buzz. Er wird übrigens von meinem Sohn gespielt.

Und die Polizei verhält sich tatsächlich so wie im Film?

Ja, sie tritt immer in Dreiergruppen auf. Einer gibt den guten Polizisten, der andere den bösen. Der dritte ist in der Regel ein Neuling, der wenig sagt.

Verrückt ist die Geschichte mit dem gestohlenen Löwenbaby im Film.

Als ich 18 Jahre alt war, hat ein Freund von mir einen drei Monate alten Löwen aus dem Zirkus geklaut, der jedes Jahr vorbeikam. Es gab grossen Aufruhr, die Zirkus­leute sind mit Gewehren losgezogen, um ihn zu suchen. Wir konnten das Tier aber eine Woche lang versteckt halten. Schliesslich mussten wir den Löwen zurückgeben, weil wir ihn nicht wirklich füttern konnten. Er weinte und jammerte richtiggehend.

Ihr Film endet gewaltsam. Weshalb?

Das ist ein Alarmschrei. Ich will, dass alle Politiker verstehen, dass die nächste Revolution aus den Quartieren kommt. Gegenwärtig macht die Bewegung der «gilets jaunes» Schlagzeilen, aber wir sind seit zwanzig Jahren Gelbwesten. Und zwar jeden Tag und nicht nur am Samstag wie diese Demonstranten. Wir erleiden täglich Polizei­gewalt. Ich hoffe, mein Film macht das allen bewusst.

Leben Sie selbst denn noch im Quartier?

Selbstverständlich. Ich war einer der Ersten dort. Und werde der Letzte sein.

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