Das Röcheln des Sterbenden klingt lange nach

Der argentinische Thriller «Rojo» beginnt fulminant – kann die Spannung aber nicht halten.

Der Detektiv (Alfredo Castro, l.) lässt den 
Anwalt (Dario Grandinetti) nicht in Ruhe.

Der Detektiv (Alfredo Castro, l.) lässt den Anwalt (Dario Grandinetti) nicht in Ruhe.

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Der Film beginnt so grossartig, man möchte im Kinosessel vor Freude hüpfen: Die Frontalansicht eines Hauses in der argentinischen Pampa im Jahr 1975. Minutenlang hält die Kamera drauf. Menschen kommen aus dem Gebäude, sie räumen seelenruhig alles ­Tragbare raus.

Die Besitzer scheinen das Haus überstürzt verlassen zu haben, sonst hätten sie kaum ihr ­ganzes Hab und Gut zurückgelassen. Schnitt in ein pumpenvolles Restaurant. Erster Auftritt des Provinz-Anwalts Claudio (Dario Grandinetti). Während er auf seine Frau wartet, kommt es zum Streit mit einem Fremden, ­später eska­liert alles, ein Schuss, ein Röcheln, wohin bloss den Verletzten verschwinden lassen?

Im Argentinien der 70er bekommt ein Anwalt ernsthafte Probleme: «Rojo». Video: YouTube/Filmcoopi Zürich

Die Stimmung ist bedrückend, passend zur sich anbahnenden argentinischen Militärdiktatur. Damals verschwanden Gegner auf Nimmerwiedersehen von der Bildfläche – ein Motiv, das sich durch den Film zieht. Dann, nach genau 23 Minuten, wird die Leinwand blutrot, die Titelschrift «Rojo» erscheint – oh, frohlockt man, das war erst der Prolog. Die Spannung ist aufgebaut, so darfs gerne weitergehen. Im Ohr klingt noch immer das Röcheln des sterbenden Fremden nach.

Leider aber verpufft die Spannung. Sie weicht bedeu­tungsschwangeren Anspielungen wie Blutspuren im leeren Haus, die nicht aufgelöst werden. Zwar spielen das Haus und der Fremde weiterhin eine Rolle, auch taucht ein schmieriger Detektiv (Alfredo Castro) auf, Regisseur Benjamín Naishtat aber verzettelt die Erzählung in mehrere Stränge. Darunter leidet die Figurenzeichnung. Naishtat scheinen die prächtig durchkomponierten ­Bilder wichtiger zu sein als der Plot. Was bleibt? Ein verglichen mit dem Anfang enttäuschendes Ende.

Arthouse Movie
Nägelihof
Do–Mi (ausser Sa): 16 Uhr, 18.15 Uhr, 20.30 Uhr
www.arthouse.ch

Erstellt: 06.07.2019, 06:01 Uhr

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