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Das sagt der Grossmünster-Chef zum Zwingli-Film

Pfarrer Christoph Sigrist ist Zwinglis Nachfolger. Was hält er vom Film über den Reformator, der einst Zürich umgewälzt hat?

Christoph Sigrist arbeitet heute, wo Zwingli vor 500 Jahren wirkte.
Christoph Sigrist arbeitet heute, wo Zwingli vor 500 Jahren wirkte.
Aliocha Merker

Vor 500 Jahren wohnte Huldrych Zwingli in der Helferei, gleich neben dem Grossmünster. Heute lebt und wirkt dort Pfarrer Christoph Sigrist als sein Nachfolger. Ihn treffen wir in einem Sitzungsraum der Helferei, am Abend zuvor war er an der Premiere des Films, der in aller Munde ist. «Sie können mich schon als Zwinglis Nachfolger bezeichnen», sagt Sigrist. «Aber alle reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer im Kanton Zürich und in der Schweiz sind seine Nach­folger.» Ausserdem teile er sich das Pfarramt im Grossmünster mit zwei anderen.

Sigrist kennt sich aber fraglos mit dem Reformator aus, nicht nur aufgrund seiner Position: Zusammen mit einem Musiker hat er das Singspiel «Die Akte Zwingli» geschrieben und aufgeführt; aus dem Projekt entstand darüber hinaus sein Roman «Anna Reinhart und Ulrich Zwingli».

Sigrist wurde dann für den Film, der diese Woche anläuft, um Rat gefragt. «Ich habe viel mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller gesprochen», erklärt Sigrist. «Lange vorher war schon die Drehbuchautorin Simone Schmid bei mir. Ich habe ihr erzählt, wie ich das Thema beim Singspiel anging.»

Das Singspiel und der Roman erzählen Zwinglis Geschichte nämlich aus der Sicht seiner Frau Anna Reinhart. Sigrist habe deswegen besonders darauf geachtet, wie die Filme­macher mit dieser Figur umgehen, und ihn habe gefreut, dass sie sich im Film mit Zwingli auf Augenhöhe bewegt. Nicht nur das: «Als roter Faden ist sie fast noch wichtiger als Zwingli.»

«Ich habe in vielen Szenenmeine eigene Arbeit entdeckt, aber auch meine Widersprüche.»

Pfarrer Sigrist

Tatsächlich steht die Liebesgeschichte zwischen dem Reformator (Max Simonischek) und der Witwe (Sarah Sophia Meyer) im Zentrum des Films. Der neue Leutpriester überrascht Anna, weil er kein Geld für die Seelenmesse ihres Mannes verlangt – es gebe gar kein Fegefeuer, also sei die Seelenmesse unnötig. Als daraufhin die Pest in Zürich wütet, pflegt sie Zwingli gesund. Und so verlieben sie sich ineinander.

Anna ist aber nicht nur Zwinglis Geliebte, sie wird auch zu seiner Schülerin – und erhebt schliesslich Einspruch, als er mit seinem Weggefährten Felix Manz (Michael Finger) über die Taufe streitet. Dieser will nur Erwachsene taufen, Zwingli ist das viel zu radikal. Als er die Todesstrafe für Manz unterstützt, ist Anna über diese Härte zutiefst enttäuscht.

Theologie fürs grosse Publikum

Als Zwingli gegen die katholische Innerschweiz in die Schlacht ziehen will, ist es Anna, die ihn daran erinnert, dass er sich doch einst gegen den Krieg ausgesprochen hat. Darauf antwortet er bloss: «Ich will für den Herrgott kämpfen.» So etwas könne man heutzutage nicht einfach so stehen lassen, findet Sigrist. Um mit dieser schwierigen Seite des Reformators umgehen zu können, brauche es eine Figur wie Anna Reinhart – mit ihr könne man aus heutiger Sicht kritische Fragen stellen.

Auch mit seinen Mitstreitern und Gegnern liefert sich der Kino-Zwingli immer wieder Diskussionen und Streitgespräche. «Das ist theologisch sauber durchdacht», meint Pfarrer Sigrist dazu. Wenn da zum Beispiel Zwingli mit seinem alten Freund Leo Jud (Anatole Taubman) und anderen Gelehrten im Grossmünster darüber diskutiert, wie man den Anfang des Johannesevangeliums richtig übersetzt. «Am Anfang war das Wort», so lautet der Vorschlag. Aber ist «Wort» wirklich die beste Übertragung für den altgriechischen Begriff «logos», müsste es nicht «Gespräch» heissen?

«Da fährt es mir immer wieder ein: Du bist in dem Raum, wo einer vor 500 Jahren die Gesellschaft umgewälzt hat.»

Pharrer Sigrist

Der Film stelle theologische Kernfragen wie diese verständlich dar, sagt Sigrist. Und man sieht, dass viele Fragen, die Zwingli damals umtrieben, bis heute gültig sind. «Ich habe in vielen Szenen meine Arbeit entdeckt», so Sigrist. «In vielen Sätzen meine Sätze. Aber auch in vielen Widersprüchen meine Widersprüche.»

Was vom Reformator bleibt

Das echte Grossmünster im Film zu sehen, habe ihn sehr berührt. «Ich war ja oft vor Ort bei den Dreharbeiten», erzählt Sigrist. Einer seiner Söhne hatte zudem eine Statistenrolle als Chorherr. «Dabei hat es sich bewahrheitet, dass man am Originalschauplatz anders spielt als in Kulissen.»

Zwingli-Darsteller Max Simonischek zum Beispiel habe ihm gesagt, dass es für ihn etwas ganz anderes sei, wenn er im Grossmünster spiele – also dort, wo Zwingli einst selbst gestanden hat. «So geht es mir auch, wenn ich von der Sakristei den Chor hinunter ins Kirchenschiff gehe, um den Gottesdienst zu leiten», so Sigrist. «Da fährt es mir immer wieder ein: Du bist in dem Raum, wo einer vor 500 Jahren die Gesellschaft umgewälzt hat.» Das habe ihn radikalisiert in dem Sinne, dass er sich noch stärker für die politische Dimension der Kirche und für die Pluralität der Gesellschaft einsetze.

Ob es nun um die Frage der Obdachlosenarbeit geht oder um den Umgang mit den Muslimen in der Schweiz. «Wenn ich am Sonntag auf der Kanzel predige und am Montag nicht zu denen gehe, die unter die Räder ­kommen, dann habe ich meine Berufung zum Pfarrer nicht verstanden.» Sich einsetzen für die Schwächsten, das sei für ihn heute noch so wichtig wie für Zwingli vor 500 Jahren.

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