Die Realität des Chräis Chäib auf der Leinwand

Längst nicht nur der neue Film «Der Büezer» spielt im Kreis 4. Was alte und neue Filme über das Quartier erzählen.

Opfer der Gentrifizierung: «Der Büezer» Sigi (Joel Basman) vor dem Restaurant Sonne.

Opfer der Gentrifizierung: «Der Büezer» Sigi (Joel Basman) vor dem Restaurant Sonne.

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Der Sanitärinstallateur Patrick Signer, genannt Sigi (Joel Basman), trifft sich mit einer jungen Frau. Zunächst läuft das Date gut, die Frau erzählt von ihrem Job bei einer Werbeagentur. Als Sigi ihr sagt, dass er auf dem Bau arbeitet, entschuldigt sie sich, sie müsse auf die Toilette. Und macht sich klammheimlich davon.

«Der Büezer» ist das Porträt eines jungen Mannes, der sich fremd fühlt. Sigi findet keine Freundin, seine Eltern sind tot, bei den grobschlächtigen Kollegen kommt er mit seiner schüchternen Art unter die Räder. Der Film ist aber auch ein Porträt vom Kreis 4. Regisseur Hans Kaufmann hat einen Grossteil des Films im soge­nannten Bermudadreieck gedreht. Hier geht Sigi in die Beiz, hier übernimmt er kleine Schwarzarbeiten für Walti (Andrea Zogg). «Du bisch en Büezer», sagt ihm dieser. «Du bisch en Guete.»

Nah und direkt an der Realität: «Der Büezer» von Hans Kaufmann. Video: YouTube/Milieu Pictures

Am Helvetiaplatz begegnet Sigi der schönen Hannah (Cecilia Steiner), die dort Flyer verteilt. Er verliebt sich in sie – doch sie will ihn bloss in ihre Freikirche holen. Kaufmann bleibt nah an der Realität, projiziert eigene Erfahrungen auf Sigi. «Er kämpft mit den gleichen Problemen wie ich und meine Freunde.» So wohnt der Arbeiter am Stadtrand, weil das Zentrum zu teuer ist.

«Der Büezer» ist nicht der erste Film, der die Probleme im Chräis Chäib nachzeichnet: «Bäckerei Zürrer» zeigt, wie sich angestammte Schweizer und italienische Fremdarbeiter in die Haare kommen. Fünfzig Jahre später befasst sich «Strähl» mit der Drogenszene und dem Rotlichtmilieu. Das Quartier ist anziehend für Filmemacher, weil sich hier immer wieder Konflikte auftun, weil der Kreis 4 stets ein Brennpunkt der urbanen Entwicklung ist.

Rauchend an der Langstrasse: Joel Basman im Film «Der Büezer»

Daraus kann man gut Geschichten machen. Und danach lässt sich anhand der Kino­filme beobachten, wie sich die Stadt über die Jahrzehnte verändert hat: Da wird das Arbeiterviertel zum heruntergekommenen Sündenpfuhl, wo Drogenhandel und Prostitution herrschen – und schliesslich, der Gentrifizierung sei Dank, zum schicken Ort für Partygänger und Besserverdienende.

Kaufmann ist sich seiner Vorgänger bewusst. «‹Bäckerei Zürrer› hat mich auf jeden Fall beeinflusst», sagt er. «Und auch ‹Strähl› finde ich super.» Das seien Zeitdokumente, die einen Kreis 4 festhalten, wie es ihn nicht mehr gibt. «Egal, ob mein Film jetzt gut ist oder nicht», sagt Hans Kaufmann, «wenigstens kann ich in zehn Jahren sagen: So hat es hier früher ausgesehen.»


Bäckerei ZürrerVon Kurt Früh, CH 1957, 105 Min.

Der erste wirklich urbane Film der Schweiz spielt zum grössten Teil im Chräis Chäib: Der Bäcker Zürrer (Emil Hegetschweiler) hat seinen Laden an der oberen Langstrasse. Sein jüngster Sohn Heini (Peter Brogle) schwängert ein Mädchen aus der Nachbarschaft – es ist Gina (Ursula Kopp), die Tochter eines italienischen Marronibraters. Das passt dem engstirnigen Bäcker gar nicht; er verstösst den Sohn. «Bäckerei Zürrer» macht aus den sozialen Spannungen seiner Zeit eine Romeo-und-Julia-Story, die immer noch berührt, einiger kitschiger Momente zum Trotz.

Und der Film bietet einen enorm spannenden Blick auf das Zürich vor sechzig Jahren: Da fahren noch Pferdewagen die Langstrasse runter, und das Kino Roland zeigt Western statt Pornos. Aber es gibt schon Bauspekulanten: Ein Architekt will Zürrer sein Haus abkaufen, um es abreissen zu lassen. «De chonnt det en Grossgarage here.» Regisseur Kurt Früh drehte 1959 noch «Hinter den sieben Gleisen»: Dort kümmern sich drei Clochards um eine junge Frau und ihr uneheliches Kind; ihre Unterkunft ist ein Lagerhaus beim Güterbahnhof, und an der Langstrasse kaufen sie Babysachen.

Zürich vor 60 Jahren: Der Film «Bäckerei Zürrer» aus dem Jahr 1957. Video: YouTube/Zürich Film Festival

FilouVon Samir, CH 1988, 91 Min.

Der Filmemacher Samir war einer der Initianten des Kulturhauses Kosmos – bevor er kürzlich aus dem Verwaltungsrat geworfen und gekündigt wurde – und gehört damit zu den Mitgestaltern des gegenwärtigen Kreises 4. 1988 setzte er dem Stadtteil mit «Filou» ein Denkmal: Die Geschichte handelt vom Lebens­künstler Max (Werner Haltinner) – sein verstorbener Vater war ein Schweizer, seine Mutter ist Italienerin.

Max klaut Velos, kommt einem Dirnenmörder auf die Spur und gerät in eine Agentenverschwörung. Dazwischen hängt er in der Longstreet Bar ab. «Filou» ist Kurt Früh gewidmet, und der Film ist voller Anspielungen auf «Bäckerei Zürrer»: Ständig läuft der Klassiker irgendwo im Fernseher, und mehrere Szenen zitieren ihn. Samir spielt ein schräges Spiel mit der Film­geschichte. Wichtig werden aber auch die – letztlich erfolglosen – Proteste gegen den Abriss des Apollo Cinerama beim Stauffacher.

Lebenskünstler gibt es im Kreis 4 viele: Eine dieser Geschichten erzählt Samir mi seinem Film «Filou». Video: YouTube/Dschoint Ventschr

BingoVon Markus Imboden, CH 1990, 85 Min.

Nach dem schnellen, unkonventionellen «Filou» nimmt sich «Bingo» wie eine Rückkehr zu kleinbürgerlicher Gemütlichkeit aus: Ruedi Walter – der in «Hinter den sieben Gleisen» den Clochard Clown spielte – ist hier ein alter Sträfling, der endlich entlassen wird. Mit seinem alten Kumpel Bingo (Mathias Gnädinger) will er nun nach Brasilien auswandern. Doch da das Geld dazu fehlt, bleiben die beiden zunächst an der Langstrasse hängen, zwischen Grillbuden, Strip­lokalen und Beizen wie dem Tessinerkeller – den es heute übrigens nicht mehr gibt. Schliesslich überfallen die beiden ein letztes Mal eine Bank.

StrählVon Manuel Flurin Hendry, CH 2004, 83 Min.

Krimi Der Polizist Strähl (Roeland Wiesnekker) will einen albanischen Drogenboss dingfest machen, obwohl er selbst unter einer Tablettensucht leidet. Als Strähl einen Junkie (Manuel Löwensberg) zu fassen versucht, fällt dieser aus dem Fenster und verletzt sich – der Polizist wird deswegen vom Dienst suspendiert.

Zusammen mit dem Junkie und dessen Freundin (Johanna Bantzer) lässt er sich auf ein Katz-und-Maus-Spiel ein, das ihn zu ruinieren droht. «Strähl» ist nach dem Muster amerikanischer Polizeithriller gedreht und stellt den Kreis 4 als ein Höllenloch dar, in dessen Gassen sich Abhängige Heroin spritzen. Die Problemeinwanderer sind nicht mehr Italiener, sondern Menschen vom Balkan. Differenziert ist der Film nicht gerade, ansonsten aber sehr unterhaltsam.

Der Kreis 4 als Höllenloch: So dargestellt im Krimi «Strähl». Video: YouTube/Zurich Film Festival

TraumlandVon Petra Volpe, CH 2013, 98 Min.

Eine weit subtilere Darstellung des Milieus als «Strähl» ist «Traumland». Der Film spielt um Weihnachten und folgt der Bulgarin Mia (Luna Mijovic), die am Sihlquai und an der Langstrasse anschafft. Dabei begegnen ihr ­verschiedene Menschen mit ihren eigenen Geschichten. Wie der Freier Rolf (André Jung), der in einem der Hardau-Hochhäuser lebt und Heiligabend gerne mit seiner Familie verbringen möchte. Doch weder sein Vater noch seine Tochter wollen etwas von ihm wissen.

Man spricht auch vom Milieu: Der Kreis 4 aus der Sicht einer Sexarbeiterin Mia. Video: YouTube/Filmcoopi Zürich

Erstellt: 11.09.2019, 16:41 Uhr

Der Büezer

Von Hans Kaufmann, CH 2018, 85 Min.

Patrick, genannt Sigi (Joel Basman), arbeitet auf dem Bau – was bei den Zürcher Frauen schlecht ankommt. Um Hannah (Cecilia Steiner) für sich zu gewinnen, gibt er sich als Werber aus; wobei sie ihn bloss in ihre Freikirche holen will.

Immerhin findet Sigi einen Ersatzvater in Walti (Andrea Zogg), der ihn für kleine Arbeiten schwarz bezahlt. Der Werbefilmer Hans Kaufmann hat seinen Debütfilm auf eigene Faust und mit knappem Budget gedreht. «Der Büezer» ist toll gespielt, eine lebensnahe Milieustudie und hält die Auswüchse der Gentrifizierung fest: Sigi arbeitet auf jener Baustelle, bei der aus dem Kunstraum Perla Mode das vege­tarische Restaurant Hiltl wird. (ggs)

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