Der Geheimdienstler

Oscargewinnerin Laura Poitras attackiert Julian Assange in ihrem neuen Film. Wie sind aber die Verdienste des Wikileaks-Gründers einzuordnen? Auf zwei Ebenen seien diese enorm, sagt ein Professor für digitale Kultur.

Hat schon viel gesehen: Julian Assange.

Hat schon viel gesehen: Julian Assange.

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Seit August 2012 sitzt Julian Assange als politischer Flüchtling im Asyl in einem 20 Quadratmeter grossen Raum in der ecuadorianischen Botschaft in London, die in einem unscheinbaren Appartement im Stadtteil Knightsbridge untergebracht ist. Dieser Raum dient als Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer, als Konferenzraum für Besucher und als globaler Hauptsitz von Wiki­leaks, dem umstrittensten Medienunternehmen der letzten Dekade. Die Strafuntersuchung gegen Assange in Schweden wurde zwar in der Zwischenzeit eingestellt, die britische ­Regierung erklärte allerdings umgehend, dass sie Assange wegen Verletzung der Kautions­bedingungen gleich verhaften würde, sollte er die Botschaft verlassen.

Es besteht also weiterhin die Gefahr, dass Assange in die USA ausgeliefert wird. Im April dieses Jahres bekräftigte Jeff Sessions, Justiz­minister unter Donald Trump, dass die USA einen Prozess gegen Assange vorbereiteten, ­allerdings ist bis heute noch kein Verfahren formell eröffnet worden. Es sieht also so aus, dass Assange noch lange in der Botschaft bleiben wird. Auch wenn er sich nun schon seit mehr als fünf Jahren nicht mehr physisch bewegen kann, so ist Wikileaks immer noch höchst aktiv, und die ­inneren Widersprüche treten deutlicher zutage als je zuvor.

Die Macht verstehen
Ich wurde auf Wikileaks vor knapp zehn Jahren aufmerksam, als ihre Veröffentlichung eines Korruptionsberichts die Wahlen in Kenia kippte. Schon damals war es eine schillernde Organisation, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wikileaks hat sich in den letzten zehn Jahren enorme Verdienste erworben, auf zwei Ebenen. Zum einen haben ihre Enthüllungen wesentlich dazu beigetragen, dass wir verstehen, wie Macht und ihre Institutionen heute operieren. Das Video «Collateral Murder», das die Wahrnehmung des Piloten eines Kampfhelikopters über Bagdad dokumentiert, hat uns zugänglich gemacht, wie der hochgradig mediatisierte Krieg, der mit Hightech-Waffen aus grosser Distanz geführt wird, in die Logik der Videospiele übergeht, und wie die unterlegene Seite dabei jede Form der Menschenwürde verliert, was auch auf der Gewinnerseite Spuren hinterlässt. Zum andern hat Wikileaks neue Formen des Journalismus angestossen: Recherche-Netzwerke. Hier arbeiten ansonsten miteinander konkurrierende Medienunternehmen zusammen, denen es so gelingt, hoch komplexe Sachverhalte aufzuarbeiten, die sie jeweils allein überfordert hätten.

Der hochbegabte Teenager
Allerdings war und ist Wikileaks geprägt von Assange als Person und dessen spezifischer Prägung in der Hackerkultur der 90er-Jahre. Damals konnten hochbegabte Teenager wie Assange die mächtigsten Organisationen der Welt an der Nase herumführen, indem sie über das gerade aufkommende Internet in deren Computer eindrangen und kryptische Nachrichten hinterliessen. Aus diesen Anfängen hat er mit Wikileaks eine Organisation aufgebaut, die den Geheimdiensten, die er bekämpfen will, immer ähnlicher geworden ist. Assange hat Wikileaks durchaus im Ernst als «The People’s Intelligence Agency», als Geheimdienst im öffentlichen Interesse, bezeichnet. Darin liegt ein Widerspruch, den er nicht auflösen kann. Jeder Geheimdienst arbeitet fundamental mit Geheimhaltung, mit undurchsichtigen Organisationsstrukturen und einer strategisch-selektiven Politik, welche Informationen er nach aussen dringen lässt.

Das Problem der Selektiven News
Wie kann man also Wikileaks trauen? Lange hatte es dieses Problem dadurch zu lösen versucht, dass es ankündigte, immer alle relevanten Informationen, die es bekommt, auch zu veröffent­lichen. Damit hat es sich aber zum Spielball ?gemacht für selektive Leaks, also für faktisch richtige Informationen, die aber nur den politischen Gegner betreffen und die der eigenen Seite dadurch einen Vorteil verschaffen. Dieses Verfahren der politischen Einflussnahme gehört bei traditionellen Geheimdiensten zum Standardrepertoire. Wie soll nun Wikileaks damit umgehen, wenn die Informationsquelle kein Whistleblower im öffentlichen Interesse mehr ist, sondern ein strategischer Akteur? Hätte es die Informationen aus dem Inneren von Hillary Clintons Wahlkampf nicht veröffentlichen sollen, nur weil keine vergleichbaren Informationen über Trumps Wahlkampf vorlagen?

«Nein», sagt Assange, denn die Informationen seien relevant. Auch wenn man ihm keine eigene politische Agenda unterstellt (was jedoch viele machen), reicht diese Haltung nicht aus. Denn damit macht Assange es anderen leicht, Wiki­leaks als Waffe in ihrem eigenen Informationskrieg zu missbrauchen. Weil Wikileaks keine transparenten internen Prozesse hat (und als Geheimdienst auch nicht haben kann), sitzt es in einer strukturellen Falle, aus der es nicht mehr heraus kann, egal wie sich die verschiedenen juristischen Verfahren entwickeln werden.


Do 14/18 Uhr; Fr–Mi 14.30 Uhr, 18.30 Uhr. Do 18 Uhr mit anschliessender Podiumsdiskussion

(Zueritipp)

Erstellt: 01.11.2017, 17:27 Uhr

Risk - die Filmkritik

Während sechs Jahren filmt Laura Poitras den Wikileaks-Begründer Julian Assange und sein Team in ihrem Kampf für das, was sie als Transparenz bezeichnen. Poitras folgt Assange in die Enge der ecua­dorianischen Botschaft, befragt ihn zu seinen Motiven und hinterfragt sein Vorgehen. Je länger der Film dauert, desto grösser werden die Zweifel der Regisseurin an der Lauterkeit ihrer Hauptfigur. Während Laura Poitras in ihrem oscargekrönten Film ?«Citizen Four» (2014) vom sympathischen, aufrichtig wirkenden Edward Snowden profitieren konnte, wirkt Assange von der ersten Einstellung an selbstbezogen, herablassend und manipulativ. Poitras reagiert in ihrem Film, dessen erste Version sie abänderte (siehe unten), mit distanzierenden Off-Kommentaren. Das hat etwas Unfaires. Und es ändert nichts daran, dass ihr Dokumentarfilm wenig Dynamik entwickelt und ihm eine Struktur fehlt. (jmb)

*Felix Stalder

Felix Stalder ist Professor für Digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Der 49-Jährige hat schon verschiedentlich über Whistleblower referiert. 2016 ist sein Buch «Kultur der Digitalität» (Edition Suhrkamp) erschienen.

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