Der krumme Mann

In «Je vais mieux» lernt ein Duckmäuser, Dampf abzulassen. Das ist lustig – bis es dem Helden besser geht.

Hat ein Zwicken im Rücken: Duckmäuser Laurent (Eric Elmosnino).

Hat ein Zwicken im Rücken: Duckmäuser Laurent (Eric Elmosnino).

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Laurent (Eric Elmosnino) fühlt sich nicht gut. Aus heiterem Himmel zwickts ihn im Rücken, und zwar so heftig, dass er sich nur noch wie ein Winkelmass vorwärtsbewegen kann. Nach genauerem Hinsehen (lies: endlosen Ärztekonsultationen) zeigt sich: Es liegt ­keine körperliche Ursache vor, die den strubbelköpfigen Mann so geknickt durchs Leben gehen lässt. Aber was dann?

Regisseur Jean-Pierre Améris kann man als wandelnde Wundertüte bezeichnen. Für «Marie Heurtin» (2014), ein historisches Drama über ein taubblindes Mädchen, gewann er am Filmfestival Locarno den «Variety Piazza Grande Award». Ein Jahr später versuchte er sich mit «Une famille à louer» an einer Komödie über einen Millionär, der sich einer armen Patchworkfamilie anschliesst. Da gabs trotz Starkomiker Benoît Poelvoorde («Rien à declarer») jedoch wenig zu lachen.

Mobbing, Entfremdung und rummäkelnde Eltern

Améris ist ein Filmemacher, den man mögen kann, aber nicht lieben muss. Eins muss man ihm jedoch lassen – er kann menschliche Defizite in treffende Bilder übersetzen. In der Romanadaption «Je vais mieux» sieht sich der Duckmäuser Laurent umgeben von Gemälden mit gewaltsam aufgerissenen Mündern. Es ist aber auch zum Urschreien, was dem Helden widerfährt: Mobbing im Büro, Entfremdung von der Gattin, rummäkelnde Eltern, und der beste Freund meint: «Manchmal bist du im Kopf ein Weichei.»

Was nun? Laurent beschliesst, die aufgestauten Frustrationen endlich rauszulassen. Das hilft tatsächlich, weniger gebeugt durchs Leben zu gehen, doch dem Film schadet es, da Regisseur Améris just während des Heilungsprozesses den Rhythmus verliert. Das ist insofern unglücklich, als sich die Unwahrscheinlichkeiten gegen Ende so arg häufen, dass man den Figuren kaum noch einen Satz abnimmt. Mit mehr Tempo hätte man vielleicht darüber hinweggesehen.

Arthouse Alba
Zähringerstr. 44
16 Uhr, 18 Uhr, 20 Uhr
www.arthouse.ch

Menschliche Defizite werden in treffende Bilder übersetzt: «Je vais mieux». Video: YouTube/Filmcoopi Zürich

(Züritipp)

Erstellt: 04.07.2018, 11:07 Uhr

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