Der müdeste Macho

Zum 100. Geburtstag des Hollywood-Raubeins Robert Mitchum zeigt das Filmpodium 16 seiner besten Filme. Diese beweisen, dass Mitchum für seine Rollen weitaus mehr mitbrachte als bloss das richtige Aussehen.

«The Night of the Hunter» zeigt eine von Mitchums besten Leistungen.

«The Night of the Hunter» zeigt eine von Mitchums besten Leistungen.

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Er war ein schwerer Raucher und Trinker und notorischer Kiffer. In den Dreissigerjahren vagabundierte er durch die krisen­geschüttelten USA und lebenslang von einem amourösen Abenteuer zum nächsten.

Als er 1943 nach Versuchen als Boxer, Verkäufer und Fliessbandarbeiter nach Hollywood kam – so geht die Legende –, hatte er sich von der Nachtarbeit so gründliche Schlafstörungen geholt, dass er genau die richtigen Voraussetzungen für die Darstellung jener übermüdeter GIs, lässiger Cowboys und desillusionierter ?Detektive mitbrachte, welche die Kriegsfilme, Western und Krimis jener Zeit bevölkerten: schläfriger Blick, herablassendes Lächeln, notorisch lethargische Gesten und hinter all der demonstrativen Gleichgültigkeit die Gefährlichkeit eines lauernden Panthers.

Überhaupt, so geht die Legende weiter, brauchte Mitchum kraft seiner physischen Präsenz vor der Kamera gar nichts zu tun. Da war einfach dieser wuchtige Kerl, 1,85 Meter gross, athletisch gebaut, kantiges Gesicht und neckisches Kinngrübchen, samtweicher Bariton – und eben jener verhangene Blick, aus dem bald Weltmüdigkeit, bald Arroganz, bald schiere Aggressivität sprach.

Mitchum strickte diese Legende genüsslich mit. «NAR» schrieb er seitenweise an die Ränder von Drehbüchern: No Acting Required. In den Western, auf die er anfänglich abonniert war, habe er nur zwei Schauspielstile gebraucht: einen mit und einen ohne Pferd.

«I’m utterly unimpressed»

Mitchum bedachte auch die Industrie, die ihn bis in die Neunzigerjahre in mehr als 130 Filmen beschäftigen sollte, gern mit Boshaftigkeiten: Seine Filme für das RKO-Studio seien sich alle so ähnlich gewesen, dass er selbst den Trenchcoat kaum je habe wechseln müssen; im Vergleich zur Fliessbandarbeit habe jene in der Traumfabrik allerdings den unleugbaren Vorteil, dass mehr Kohle reinkomme.

Doch man darf sich von solchen Sprüchen nicht täuschen lassen und schaue sich beispielsweise allein Mitchums «reaction shots» an, jene Momente, in denen er bloss zuhört und hinschaut. Tatsächlich ist Hollywoods müdester Macho da hellwach, reagiert auf jede Nuance, doch so schnell und subtil, dass man eben meinen könnte, er tue gar nichts. Keiner bringt im Angesicht übermächtiger Autoritäten, todgefährlicher Feinde und gefährlich schöner Frauen die nonverbale Botschaft «I’m utterly unimpressed» so hinüber wie er. Und wenn ihn in Hollywood endlich einmal ein Regisseur loslegen liess, der noch etwas von den expressiven Gebärden des Stummfilms wusste, dann fuhr Mr. Ultracool das volle Geschütz auf. Charles Laughtons «The Night of the Hunter» von 1955 ist so ein Fall.

Mitchum gibt einen unheimlichen Wanderprediger und Serienmörder in diesem Sturmlauf gegen die Südstaaten-Frömmlerei, und er tut dies mit einer Mischung aus teuflischem Understatement und theatralischer Scheinheiligkeit. Bevor er eine Frau ermordet, holt er ausladend zur alttestamentarischen Geste aus. Wenn er deren Kinder verfolgt, kündigt er sich schon am Horizont mit Gospelballaden an. Und wenn ihm die alte Witwe, bei der die Kinder Schutz suchen, schliesslich mit einer Winchester den Marsch bläst, quiekt er wie ein angestochenes Schwein durch den Vorgarten.

Erstellt: 19.11.2017, 08:19 Uhr

Robert Mitchums beste Filme

Out of the Past
Von Jacques Tourneur, USA 1947, 96 Min. Ein Garagist (Mitchum) will nur seine Ruhe, doch seine alten Spiessgesellen und eine Frau durchkreuzen den Plan fatal. Einer der besten Films noirs überhaupt.

The Night of the Hunter
Von Charles Laughton, USA 1955, 92 Min. Mitchum als mordlustiger Prediger in einem tollkühnen Mix aus Märchen und abgründigem Thriller, seinerzeit ein Flop, heute auf jeder Bestenliste.
So 19.11., 15 Uhr; Di 28.11., 18.15 Uhr; Fr 1.12., 21 Uhr

Heaven Knows, Mr. Allison
Von John Huston, USA 1957, 108 Min. Ein Marinesoldat und eine Nonne kommen sich auf einer Pazifikinsel näher: Eine Variation auf «The African Queen» und? Mitchums persönlicher Lieblingsfilm.
Sa 18.11., 15 Uhr; Di 21.11., 18.15 Uhr; So 26.11., 20.45 Uhr

Home from the Hill
Von Vincente Minnelli, USA 1960, 150 Min. Mitchum als selbstgefälliger Patriarch und Schürzenjäger: Ein vielschichtiges Melodrama über Männer und Frauen, Väter und Söhne der Fifties.
So 3.12., 17.30 Uhr; Sa 9.12., 20.45 Uhr

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