«Die Amerikaner glauben viel Bullshit»

John C. Reilly, der meistens liebenswürdige Kerle spielt, mimt jetzt einen Killer im Western «The Sisters Brothers». Warum das passt, erzählt er im Interview.

Spielt einen der Sisters-Brüder: John C. Reilly als Eli Sisters.

Spielt einen der Sisters-Brüder: John C. Reilly als Eli Sisters.

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Sie sind für Ihre Rollen in Komödien wie «Step Brothers» bekannt, worin zwei 40-jährige Einzelkinder zusammenziehen, die sich aufführen wie kleine Buben. Ist die Komödie die geeignetste Form, um die Gesellschaft zu beschreiben?
Sie ist eine grossartige Form, um die Wahrheit zu sagen. Komödien sind nie einfach nur Eskapismus. «Step Brothers» mag ein ausserordentlich albernes Unterfangen gewesen sein, aber der Film macht viele ernsthafte Aussagen über Themen wie Ehe oder Scheidung. Wir sind da tief in die Probleme von Familien eingedrungen.

Haben Sie irgendwann entschieden, dass Sie Komödiendarsteller werden?
Überhaupt nicht. Wann immer ein Schau­spieler die Rollen aufzählt, die er in seiner Karriere spielen will, denke ich: Wird nicht geschehen, ausser du hast sehr viel Geld und kannst deine Filme selber bezahlen. In Wahrheit besteht das Leben der meisten Schauspieler darin, Gelegenheiten wahr­zunehmen, die jemand anders für sie erzeugt hat.

Finden Sie aktuelle US-Komödien interessant?
Da ein Film naturgemäss Vergangenes aufzeichnet, wissen die Leute sehr genau, was alles schon gemacht wurde. Angenommen, man begegnet um 1900 einem Maler und betrachtet dessen Gemälde: Entweder kennt man seine Einflüsse – oder man kennt sie nicht, weil Infor­mationen zu dieser Zeit noch nicht so einfach zugänglich waren. Heute ist das anders, weshalb es noch nie so schwierig war, eine originelle Idee zu haben.

Was man an Hollywood derzeit gut sehen kann.
Derzeit gibt es zwei Arten von Unterhaltung. Zum einen Comicverfilmungen wie «Spider-Man», die dafür sorgen, dass ein Langstreckenflug schneller vorbeigeht, aber mit dem eigenen Leben kaum etwas zu tun haben. Ich mag ja solche Filme auch, aber wenn ich einen davon zu Ende geschaut habe, könnte ich nicht einmal die Handlung zusammenfassen. Zum anderen gibt es Regisseure, die etwas erschaffen wollen, das beim Publikum Resonanz erzeugt. Aber dafür gibt es immer weniger Platz in den Kinos. Ich glaube, heutzutage wollen die Leute einfach nur unterhalten werden, weil sie in einer Zeit leben, die ihnen an die Nieren geht. Und wer will ihnen das zum Vorwurf machen?

«Western waren doch nie wirklich weg.»John C. Reilly

«The Sisters Brothers», Ihr aktueller Film, gehört eher zur zweiten Sorte von Unterhaltung: ein Neo-Western mit traumähnlichen Bildern, der auf Patrick DeWitts 2011 für den Booker Prize nominierten Roman beruht. Sie haben die Rechte an dem Buch selber gekauft. Lesen Sie viel?
Nein, aber meine Frau liest ständig. Sie hat mir das Manuskript hingelegt, einen riesigen Stoss Papier. Ich dachte nur «Oh, Mann, was soll ich jetzt damit?» Ich habe es dann aber in einem Tag gelesen, das Buch ist ein richtiger Pageturner. Sonst lese ich sehr wenig Romane und ausgenommen von Drehbüchern kaum je Fiktionales. Lieber mag ich Sachbücher, aus irgendeinem Grund lese ich gerade sehr viele Bücher übers Überleben. Geschichten von Leuten, die auf dem Meer treiben oder alleine auf einem Berggipfel zurückgelassen wurden. Solche Sachen.

Im Kino ist der Western immer mal wieder zurück, dann verschwindet er wieder. Ist «The Sisters Brothers» sein grosses Comeback?
Western waren doch nie wirklich weg. Oder wie viele Jahre können Sie aufzählen, in dem kein einziger Western rauskam? Ich würde sagen: kein einziges Jahr. Ausserdem wurde der Western im Südwesten der USA geboren – was sollte man dort denn sonst drehen?

Sind Sie mit Western aufgewachsen?
Auch, ja.

Ungewöhnlicher Western: «The Sisters Brothers». Video: YouTube/Ascote Elite

Die Sprache im Film ist sehr spezifisch, wirkt aber etwas antiquiert. War es schwierig, unter einem französischen Regisseur auf Englisch zu drehen?
Nein, nein. Audiard versteht Englisch sehr gut. Er spricht es einfach nicht, weil … nun, er ist eben Franzose. Aber wir hatten Übersetzer. Und wir hatten viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiteten, deshalb mussten wir uns sehr genau überlegen, was und wie wir etwas sagten. Da war so eine Art Feminität in unseren Gesprächen. Aber wir wollten ja keine Sausage-Party.

Worin unterscheidet sich «The Sisters Brothers» von klassischen Western?
Als Kind liebte ich die Filme von Sam Peckinpah, diese Klarheit, dieses Schwarzweiss, hier die Guten, da die Bösen. Und Bumm-Bumm-Bumm. Das war wie ein Spiel. Aber das wollten wir hier vermeiden. «The Sisters Brothers» sollte ein reiferer Western werden, ein Western mit Emotionen. Kommt dazu, dass die Amerikaner sehr viel nostalgischen Bullshit über sich selber glauben. Deshalb war es gut, dass wir einen europäischen Regisseur engagiert haben, der eine andere Sicht auf die Vergangenheit hat.

Bitte sagen Sie uns, dass die Spinne, die im Film in Ihren Mund krabbelt, ein Spezialeffekt war.
Ich wünschte, es wäre so. Es war ein beängstigender Augenblick, meinen Mund offen zu haben, ihn dann zu schliessen. Und dann schrien alle: «Verletz bloss die Spinne nicht!» – «Und was ist mit mir?», fragte ich. (lacht) Nein, das war ein Scherz, natürlich ist die Spinne ein Effekt. Aber ist es nicht erstaunlich, wie gut diese Technik inzwischen geworden ist? Und für einen Moment überlegt man: «Moment, war das jetzt echt?»

«Pferde sind sehr unberechenbar, aber ich umarmte sie jeden Tag.»John C. Reilly

Wie anstrengend war der Dreh?
Wenn ich abends jeweils nach Hause kam, fühlte ich mich erschöpft – aber erschöpft im besten Sinn. Ich hatte alles gegeben, körperlich, emotional, mental. Das muss so sein, man will als Schauspieler nichts in der Tasche behalten, sondern alles geben.

Sind Sie ein guter Reiter?
Ganz okay. Aber ich hatte keine Erfahrung damit, schnell zu reiten. Das war ein Akt blinden Vertrauens. Pferde sind sehr unberechenbar. Aber ich umarmte sie jeden Tag, gab ihnen einen Apfel. Ich wusste, wie wichtig das ist.

Sie spielen oft liebenswürdige Kerle und wirken auch selbst sehr umgänglich. Wie bleibt man so angenehm in diesem Geschäft?
Wenn Sie fragen, weshalb uns Schauspieler manchmal an Figuren erinnern, die sie gespielt haben, dann liegt das daran, dass Teile von einem selbst immer durchschimmern, wenn man sich einer Figur verschreibt. Wenn ich also an einer Rolle arbeite, dann suche ich bei der Figur nach Merkmalen, die ich von mir selber kenne. Alles andere ignoriere ich.

Im Ernst?
Ja, und dann verstärke ich alle Charakterzüge, die ich mit meiner Figur gemeinsam habe. Es kann sein, dass nur ein Scheibchen meiner Persönlichkeit mit der Figur zur Deckung kommt. Aber das mache ich dann ganz gross.

So werden Sie nie eine Figur spielen können, die völlig anders ist als Sie!
Würde ich auch gar nicht wollen. Ich meine: Ein Schurke, der einfach nur böse ist? Das ist doch einfach ein langweiliger Job. Ich versuche, ehrlich zu sein, deshalb interessieren mich jene Menschen am meisten, die auch an einer komischen Situation die traurige Dimension erkennen. Komödie und Drama sind gar nicht so verschieden, denn das Leben bewegt sich in jedem einzelnen Moment hin und her.

Kosmos / Houdini

Erstellt: 20.03.2019, 13:23 Uhr

John C. Reilly

Der 1965 in Chicago geborene Schauspieler und Musiker arbeitete mit Martin Scorsese oder Robert Altman. Berühmt wurde er mit Auftritten in Komödien und Biopic-Parodien wie «Talladega Nights» (2006) oder «Walk Hard» (2007). Als nächstes ist er als Komiker Oliver Hardy in «Stan & Ollie» zu sehen.

The Sisters Brothers

Von Jacques Audiard, F/B/E/RO/USA 2018; 122 min.

«Ich habe keine Agenda», sagt Jacques Audiard. «Ich bin wie ein wildes Pferd. Unberechenbar.» Wenn man das Werk des französischen Regisseurs überblickt, möchte man diese Aussage unterschreiben. In «The Sisters Brothers» lässt Audiard ein ungleiches Brüderpaar (John C. Reilly, Joaquin Phoenix) im 19. Jahrhundert quer durch die USA reiten. Sie sollen im Auftrag ihres Chefs einen Wissenschaftler (Riz Ahmed) aufspüren, der angeblich Gold im Wasser sichtbar machen kann. Statt ihn umzubringen, freunden sich die Brüder jedoch mit dem Chemiker und einem weiteren Verfolger (Jake Gyllenhaal) an. «The Sisters Brothers» ist ein im besten Sinne irritierender Western, der mit komischen Details (neu erfundene Zahnbürste, neu erfundenes WC) auch als Gleichnis zur innovationswütigen Gegenwart taugt.
Für Humor war der 66-jährige Audiard bislang nicht bekannt, umso mehr jedoch für explosive Experimente innerhalb verschiedener Filmgenres: In «Un prophète» (2009) porträtierte er einen arabischen Gefängnisinsassen, der die Anstalt für seine Unterweltkarriere nutzte. In «De rouille et d’os» (2012) zeigte er die Amour fou zwischen einem Kickboxer und einer invaliden Tierausbildnerin als rohes Körperkino. Und in «Dheepan» (2015), ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, liess Audiard eine falsche srilankische Flüchtlingsfamilie auf Drogenbanden in der Pariser Banlieue prallen. (zas)

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