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Die Furchtlose

Am Pink Apple wird die Filmproduzentin Christine Vachon mit dem Festival-Award geehrt. Mit «Boys Don’t Cry» oder «Carol» hat sie sich um das schwullesbische Kino verdient gemacht.

Die Regisseurin Christine Vachon.
Die Regisseurin Christine Vachon.

Gute Filmproduzenten sind begeisterte Ermöglicher, besorgte Komplizen und wohl­wollende Widersacher. Die besseren unter ihnen besitzen einen eigenen, unverwechselbaren Stil. Die besten jedoch ziehen es vor, ihn hinter der Handschrift ihrer Regisseure zu verstecken.

Christine Vachon bringt Ge­schichten auf die Leinwand, an die sich niemand sonst herantraut. Die Retrospektive des Filmpodiums zeigt, wie entschieden sie sich für ein Kino engagiert, das gesellschaftliche Veränderungen aufgreift. Mit «Poison» von Todd Haynes wurde sie 1991 eine wichtige Impulsgeberin des Queer Cinema. Seither ist die transgressive Erotik ein Leitmotiv ihrer Filmografie, das in zahlreichen Facetten anklingt: Pädophilie in «Happiness» von Todd Solondz, Transsexualität in «Boys Don’t Cry» von Kimberly Peirce, Inzest in «Savage Grace» von Tom Kalin. Etliche ihrer Produktionen, etwa «Kids» von Larry Clark, überschritten die Grenzen des Zeigbaren. Dennoch wurden ihre Filme immer wieder auch mit Oscars bedacht.

Für so viel Wagemut braucht es ver­lässliche Partner. Vachon steht für ihre Künstler ein und bleibt ihnen oft über lange Jahre hinweg treu: beispielsweise den zwei Todds, Haynes (der ein alter Studienfreund von ihr ist) und Solondz, sowie Julianne Moore, der sie in «Far from Heaven» und «Still Alice» zwei ihrer besten Rollen gab.

Als sie Mitte der 80er-Jahre im Filmgeschäft anfing, gab es zwar schon ein unabhängiges Kino in den USA, aber keine Produzentinnen, die darin arbeiteten. Die Grundlagen ihres Handwerks – Logistik, Buchhaltung, Krisenmanagement und vieles mehr – erwarb sie sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Jobs. Zwar ­verkörpert die stolze New ­Yorkerin eine kämpferische Alternative zum Hollywoodsystem. Dennoch weiss sie, dass sie sich in diesem Geschäft nur mit Filmen behaupten kann, die ihr Publikum erreichen. Während ihre Anfänge noch experimentell anmuten, setzt sie seither vor allem mit innovativen Genrefilmen Massstäbe, mit Melos wie «Carol», True-Crime-Dramen wie «I Shot Andy ­Warhol» oder Biografien wie «Infamous». Ihre Produktionen unterlaufen ­raffiniert die Konventionen: Wer ausser Christine ­Vachon hätte es wohl zugelassen, dass Bob Dylan in «I’m Not There» von gleich sechs Darstellern verkörpert wird, darunter einer Frau?

Mi 2.–Do 10.5. Diverse Orte www.pinkapple.ch Vachon-Retrospektive bis Di 15. Mai im Filmpodium; Master Class Sa 5.5., 16.30 Uhr; Ehrung So 6.5., 18.45 Uhr.

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