Die Sache mit den Erinnerungen

In der Verfilmung von Julian Barnes’ meisterhaftem Roman «The Sense of An Ending» versucht ein alter Eigenbrötler, sich eine verflossene Liebe in Erinnerung zu rufen.

Waren einst ein Paar: Veronica (Charlotte Rampling) und Toby (Jim Broadbent)

Waren einst ein Paar: Veronica (Charlotte Rampling) und Toby (Jim Broadbent)

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Was bleibt uns von Liebesbeziehungen am stärksten in Erinnerung? Sind es die schönen ­Momente – oder die peinlichen? Tony Webster hat alles getan, um die verkorkste Geschichte mit ­Veronica zu vergessen: Die junge Frau hatte ihn während seiner Studienzeit immer nur getriezt. Sie nahm ihn zu ihren Eltern mit, aber mit ihm ins Bett gehen wollte sie nicht. Das tat sie erst dann ein einziges Mal, nachdem der frustrierte Tony die Beziehung abgebrochen hatte. Dafür kam sie danach mit Adrian zusammen, einem von Tony ­bewunderten brillanten ehemaligen Mitschüler, und dieser Adrian brachte sich später um.

Mittlerweile ist Tony in den Sechzigern, hat einen winzigen Laden für teure Secondhand-Fotoapparate und lässt niemanden an sich ran ausser seiner Ex-Frau und der Tochter, die ihn gelegentlich ins 21. Jahrhundert zu zerren versucht. Doch eines Tages wird Tony aus seinem gemütlichen Trott ­gerissen durch den Brief eines Anwaltsbüros: Die Mutter der fiesen Veronica ist gestorben und hat Tony im Testament mit einer kleinen Geldsumme bedacht sowie einem Gegenstand, der sich als das Tagebuch von Adrian herausstellt. Doch Veronica will dieses Buch nicht herausrücken, und so nimmt Tony wieder Kontakt mit ihr auf.

Im Kopf von Tony

Der Film «The Sense of an Ending» von Ritesh Batra («The Lunchbox») beruht auf Julian Barnes’ gleichnamigem meisterhaftem Roman. Dieser hat einen so überraschenden Schluss, dass viele die ­Lektüre gleich noch mal von vorn begonnen haben. Der Reiz des Buchs besteht darin, dass wir uns gleichsam im Kopf des Icherzählers Tony befinden, der herauszufinden versucht, was damals wirklich passiert ist. Daraus einen Film zu machen, ist ­extrem schwierig, und das Drehbuch ist denn an manchen Stellen auch etwas überdeutlich.

Sehenswert ist der Film dennoch wegen der Darsteller: Jim Broadbent spielt den alten Tony als weltfremden Eigenbrötler. Ein Höhepunkt ist die Szene, in der Kumpel ihm vorführen, wie man im Netz recherchieren kann: Über die Rückseite des Computers hinweg sieht man nur die Gesichter der alten Knacker und deren Reaktionen. Michelle ­Dockery, die Lady Mary aus «Downton Abbey», verkörpert Tonys hochschwangere Tochter, und Harriet Walter ist absolut grossartig als die Ex-Frau, an der er sichtlich hängt und die ihm mit liebe­voller Ironie begegnet.

Kosmos
Lagerstr. 104
13.45 Uhr, 18.45 Uhr, 21.10 Uhr, Do–Mi (ausser Di) 16.15 Uhr
www.kosmos.ch

Julian Barnes liest ausserdem am Dienstag, 26.6. im Kaufleuten.

Die Verfilmung des Barnes-Romans aus dem Jahr 2011: «The Sense of An Ending». Quelle: YouTube/freneticfilms

(Züritipp)

Erstellt: 13.06.2018, 13:39 Uhr

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