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Die seelische Eiszeit

Ein Kind zwischen Eltern, die sich hassen: Im fürchterlich guten Film «Loveless» von Andrei Swjaginzew herrscht Gefühlskälte.

Die Mutter hetzt den Sohn gegen den Vater auf.
Die Mutter hetzt den Sohn gegen den Vater auf.

Ringsum ist diese Starre und Kälte und ist gebrochenes, geborstenes Holz überall und blauweisser Frost über Bäumen und Teich. Man neigt gleich dazu, es metaphorisch zu nehmen. Aus einer ästhetischen Ahnung heraus. Begann nicht auch Andrei Swjaginzews Film «Leviathan» (2014) mit quasi versteinerten Bildern von Verrostung und Verwesung «Mineralische Schönheit» nannte es jemand. Und das führte in ein Drama von der elenden Hässlichkeit aller menschlichen Verhältnisse. In «Loveless» jetzt führt man uns aus der Anfangsstimmung eines gefrorenen Verrottens in eine Gegenwart der vereisten Gefühle, in die Welt eines lang schon ineinander verhassten Ehepaars. Dort wird zwischen einem Mann und einer Frau ein Kind zerrieben.

Der Ort ist Moskau; man kann das für bedeutsam halten in einer Zeit der libertären Unfreundlichkeit, muss aber nicht. Denn die dramatische Handlung ist so individuell wie universell: Sie ?beschreibt die grosse, gewiss nicht nur russische Katastrophe der Empathiearmut. Wir erleben: die Spätphase des Trennungskriegs von Zhenya (Marjana Spiwak) und Boris (Alexei Rosin). Unglück ist bei ihnen in kühlen Hass übergegangen, Hass in die seelische Eiszeit, beide sind bereits in anderen Beziehungen und probieren neue Erwärmungsmöglichkeiten aus. Derweil weint Aljoscha, der zwölfjährige Sohn (Matwei Nowikow; wo finden Regisseure eigentlich diese hochbegabten Kinder?), vor sich hin, still, ungetröstet, unbeachtet. Eines Morgens ist er dann verschwunden. Und da stehen sie nun, diese Eltern, die einander immer an die Gurgel gehen, und sind gezwungen, zusammen einen Buben zu suchen, den sie gar nie miteinander haben wollten. Und bei der Inszenierung dieser Suche – mithilfe einer seltsamen Privat­organisation, die ein widerwilliges Verantwortungsgefühl logistisch strukturiert – hat Andrei Swjaginzew einer Realität wirklich die letzte Sentimentalität aus­getrieben.

Es ist ein fürchterlich guter Film. Da bleibt nicht einmal die Hoffnung auf Hoffnung. Nur Konsequenz ohne Lösungen. Man möchte in einer Zeit der menschlichen Abgebrühtheit ja nicht mehr grad von einer Läuterung durch Schauder und Schrecken reden. Aber die Kraft, zu erschüttern und zu bedrücken, die hat «Loveless».

Arthouse Movie Nägelihofm www.arthouse.ch Fr-Mi 15 Uhr, 20 Uhr Do 12.15 uhr Premiere im Arthouse Le Paris mit Autor Michail Schischkin und Journalist Peter Gysling

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