«Die Suche nach Aliens steht für Traurigkeit»

Im Interview sagt der Regisseur James Gray, weshalb er in seinem Film «Ad Astra» Brad Pitt zum Neptun schickt.

Auf dem Weg zum Neptun: Der Astronaut (Brad Pitt) auf grosser Mission.

Auf dem Weg zum Neptun: Der Astronaut (Brad Pitt) auf grosser Mission.

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Sie haben bislang hauptsächlich Milieugeschichten in New York gedreht. Wie kamen Sie auf die Science-Fiction?
Spielfilme sind ja immer auch Metaphern. Wenn man Einsamkeit und Leere darstellen will, gibts keine bessere Metapher als den Weltraum. Ausserdem ist die nahe Zukunft eine gute Möglichkeit zu zeigen, was mit der Gegenwart nicht stimmt.

Was stimmt nicht mit der Gegenwart?
Es ist ziemlich schwierig, die Welt anzuschauen mit ihrem unkontrolliert wuchernden Kapitalismus: Zum Beispiel verdienen die vier reichsten Menschen pro Jahr mehr als 95 Prozent der Weltbevölkerung. Zudem geht das Klima kaputt, und wir haben einen US-Präsidenten, für den ich mich schäme.

Was tun Sie dagegen?
Ich versuche, diese Dinge filmisch zu reflektieren. Die Suche nach Aliens in «Ad Astra» ist für mich das Abbild einer tiefen Traurigkeit, die wir Menschen derzeit verspüren. Ich habe mich inten­siv damit beschäftigt und glaube, dass dafür das Jahr 1991 von zentraler Bedeutung ist: Damals löste sich die Sowjetunion auf. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Anhänger sozialistischer Diktaturen. Aber seit 1991 gibt es keine Alternative mehr zum Kapitalismus.

Der Auftrag zur Rettung der Welt: Brad Pitt im All. Video: YouTube/20th Century Fox Switzerland

Wie halten Sie es in der Unterhaltungsindustrie aus?
Als amerikanischer Filmemacher muss man akzeptieren, Teil eines ethisch bankrotten Systems zu sein. Was ich tun kann, ist, diese spirituelle Krise zum Thema zu machen und sie mit einer persönlichen Vater-Sohn-Geschichte zu verknüpfen. So bringe ich mich selbst in mein Werk ein. Was hätten Filme sonst für einen Wert? Ausserdem spült man ja nicht einfach Geld die Toilette runter, indem man einen Film dreht, sondern man beschäftigt Spezialisten, die einem helfen, eine Vision umzusetzen. Das ist das Gute.

Sie haben mal gesagt, «Ad Astra» sei ein Mix aus «2001: A Space Odyssey» und «Apocalypse Now».
Ja, aber im Scherz. Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, dass ich einen so guten Film wie diese beiden gemacht hätte. Wissen Sie übrigens, welches die lustigste Szene in Kubricks «2001» ist?

Nein.
Als der amerikanische Astronaut auf dem Mond landet und diesen schwarzen Monolithen entdeckt. Und alles, was ihm dabei in den Sinn kommt, ist ein Foto zu schiessen.

Warum auch nicht?
Stimmt. Es ist verrückt, aber gut. Und sehr menschlich, eine Art Überlebensmuster sogar.

Manche Leute denken, «Ad Astra» sei ein Western im Weltall. Im Grunde hatte ich jedoch «Moby-Dick» im Kopf.James Gray

Wovon liessen Sie sich für «Ad Astra» beeinflussen?
Vor allem von Avantgarde-Filmen aus den Sechzigerjahren. Und von der Musique concrète, die damals mit Toneffekten experimentierte, sogenannten Tape Loops. Die ziehen sich durch den ganzen Film. Bereits zu Beginn hört man die sich ständig wiederholende Stimme von Tommy Lee Jones: «I love you, my son, I love you, my son.»

Wie kamen Sie darauf?
Ich recherchierte über die Bedingungen von Einzelhaft im Gefängnis. Dabei fand ich heraus, dass die Sträflinge oft Stimmen im Kopf haben, die sie fast verrückt werden lassen, weil sie sie nicht abstellen können. Für die Reise, die meine Hauptfigur zum Neptun auf sich nimmt, schien es mir naheliegend, solche Tape Loops zu verwenden. Sie waren das Ähnlichste, das ich zu diesen Stimmen im Kopf finden konnte.

Gibt es weitere Referenzpunkte?
Manche Leute denken, «Ad Astra» sei ein Western im Weltall. Im Grunde hatte ich jedoch «Moby-Dick» im Kopf, insbesondere für den Vater des Astronauten, den ich als eine Art Kapitän Ahab sehe. Er sagt manchmal fast dieselben Worte: «Seit dreissig Jahren esse ich diese Nahrung, seit dreissig Jahren atme ich diese Luft.» Bloss ist das mit den Referenzen so eine Sache.

Warum?
Bei meinem ersten Film «Little Odessa» bekam ich zu hören: «Da sind Sie aber stark von Andrzej Wajda beeinflusst, das Ende ist identisch.» Es war als Kompliment gemeint. Aber ich hatte bis dahin, ich war 24, nahezu nichts von Wajda gesehen. Was ich sagen will: Selbst wenn man gewisse Filme nicht gesehen hat, so bedient man sich unbewusst trotzdem bei ihren Bildern.

Erstellt: 18.09.2019, 15:19 Uhr

James Gray (50)

Er ist ein US-Regisseur mit russischen Wurzeln. Seine ersten Filme «Little Odessa» (1994) oder «We Own the Night» (2007) erzählten von Einwandererfamilien in New York. Zuletzt drehte er den Abenteuerfilm «The Lost City of Z» (2016).


Ad Astra

Von James Gray, USA / Br / China 2019, 122 Min.

Nasa-Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) erfährt, dass sein vor 20 Jahren bei einer Weltraummission verschwundener Vater (Tommy Lee Jones) noch am Leben sei – er forschte damals in der Gegend des Neptuns nach Ausserirdischen. Als nun Energiewellen das gesamte Sonnensystem gefährden, muss Roy selbst zum Neptun fliegen.

Wenn man eine gefühlskalte Hauptfigur auf Reisen schickt, ist das für einen geschätzte 87 Millionen Dollar teuren Blockbuster eine Zitterpartie. Umso mehr, als Produzent und Hauptdarsteller Brad Pitt nicht gerade als versierter Charakter­darsteller bekannt ist. «Ad Astra» will Unterhaltung sein und zugleich Sinnsuche und Introspektion. Das wirkt schwerelos und beschwerlich zugleich. (zas)

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