Zum Hauptinhalt springen

Die Zeugin der Gräuel

Der Spielfilm «Camille» erzählt vom Leben und Tod der Kriegsfotografin Camille Lepage.

Julia Marx
Fehlende Distanz? Die Kriegsfotografin Camille Lepage (Nina Meurisse) geht nah ran.
Fehlende Distanz? Die Kriegsfotografin Camille Lepage (Nina Meurisse) geht nah ran.

Wenn im Action- oder Horrorkino die Menschen massenhaft und auf möglichst erfinderische Art ums Leben kommen, ist das ein unterhaltsamer Nervenkitzel; man leert seine Popcorntüte und geht froh nach Hause. Anders verhält es sich, wenn uns die Medien mit den Bildern realer Gräuel konfron­tieren. Will man so was sehen? Ist das voyeuristisch oder, im Gegenteil, mora­lisch geboten? Von einer, die auszog, uns solche Bilder zu bringen, handelt diese Filmbiografie: Camille Lepage war eine französische Fotoreporterin, die 2014 mit nur 26 Jahren ihr Leben verlor.

Lepage war im Jahr zuvor in die Zentralafrikanische Republik gekommen, als dort der offene Krieg zwischen der muslimisch dominierten Rebellengruppe Séléka und den christlich geprägten Anti-Balaka-Milizen ausbricht. Fremd und ohne offiziellen Auftrag, freundet sich die Französin mit einigen Studenten an. Schwieriger ist es für die junge Frau, sich bei ihren erfahrenen Berufskollegen Respekt zu verschaffen.

Diese sind skeptisch, da Lepage nicht willens ist, persönliche Distanz zu wahren oder bei nachlassender Nachfrage zu einem ange­sagteren Kriegsschauplatz weiterzuziehen. Die Skepsis ist nicht unbegründet: Im Bemühen, den Menschen ganz nah zu kommen, wird Lepage zu einer Art eingebetteter Journalistin und schlägt sich mit einer Anti-­Balaka-Gruppe in die Büsche. Sie wird nicht lebend wiederkehren.

Regisseur Boris Lojkine, der einen Hintergrund als Dokumentarfilmer hat, lässt uns scheinbar unmittelbar am Handwerk der Kriegsfotografen teilhaben: vom Ablichten der Leichenberge über Geschäftsverhandlungen mit fernen Redaktoren bis zur heimischen Weihnachtsfeier vor dem nächsten Einsatz. Dass die echten Fotos Lepages zu sehen sind, verstärkt noch den Eindruck der Authentizität.

Mit offenkundiger Bewunderung zeichnen Lojkine und seine Co-Autorin Bojina Panayotova das Porträt einer Idealistin (glaubhaft zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit agierend: Nina Meurisse). Dem Hang zum Senti­mentalismus geben sie trotzdem nicht nach. Sie rufen aber in Erinnerung, dass Bilder auch im Zeitalter von digitaler Mani­pulation und Fake News immer noch das Wirkungsvollste sind, wenn es darum geht, fremde Erfahrungen zu vermitteln.

Arthouse Movie Nägelihof 15.50 Uhr, Do–Mo / Mi 20.20 Uhr, Di 20.15 Uhrwww.arthouse.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch