Die Zürcher Drogenhölle prägte ihr Leben

Anlässlich des neuen Films waren wir mit «Platzspitzbaby» Michelle Halbheer an den Schauplätzen ihrer Kindheit.

Muss Drogen für ihr Mutter kaufen: Mia (Luna Mwezi).

Muss Drogen für ihr Mutter kaufen: Mia (Luna Mwezi).

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Die Stimmung passt nicht zum Anlass des Treffens. Michelle Halbheer steht vor dem Eingang des Flussbads Oberer Letten – hierher kam sie als Kind, um nach der drogensüchtigen Mutter zu suchen. Keine schönen Erinnerungen für die 34-Jährige. An diesem Wintermorgen indes scheint die Sonne, und im Gebüsch neben Halbheer pfeift ein Schwarm Spatzen, als wäre es bereits Frühling.

An den Letten hatte sich die offene Drogenszene nach der Schliessung des Platzspitz im Februar 1992 verschoben (lesen Sie hier in der grossen TA-Web-Doku alles über die Schliessung der Zürcher Drogenhölle). «Mein Vater nahm mich an die Hand, wir bahnten uns hier einen Weg durch die Süchtigen und hielten nach meiner Mutter Ausschau.» Das Gewusel sehe sie noch genau vor sich.

An jenem Tag hatten die beiden Glück und konnten die Mutter mit nach Hause nehmen. Halbheer wirkt gefasst, blickt einem beim Sprechen direkt in die Augen. «Manchmal fanden wir die Mutter, manchmal nicht.» Mitunter kam ein Anruf der Polizei, dass man sie gefunden hätte. «So wussten wir immerhin, dass sie noch lebt.»

Das Leben auf der Leinwand Halbheer ist das «Platzspitzbaby», von ihrer Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter hat sie im gleichnamigen Buch erzählt. Nun läuft der Film an, der davon inspiriert ist; verfilmt hat es der Westschweizer Regisseur Pierre Monnard («Wilder»).

Gemischte Gefühle

Michelle Halbheer, das wird im Gespräch deutlich, hat sich seit der Veröffentlichung des Buchs vor sieben Jahren an den Umgang mit ­Medien gewöhnt. Sie hat lernen müssen, sich abzugrenzen, sagt sie selbst. «Das ist purer Selbstschutz. Ich versuche bei solchen Treffen, nicht zu sehr darüber nachzudenken.» Der Traurigkeit gebe sie dafür am Abend kontrolliert Raum.

«Es dauerte, bis ich Zürich wieder zu meiner Stadt machen konnte»: Michelle Halbheer an der Sihl bei der Gessnerbrücke im Sommer 2015. Foto: Giorgia Müller

Halbheer mag die Kinoadaption sehr, dennoch hat sie gemischte Gefühle: «Einerseits freue ich mich über die Plattform für das Thema, andererseits macht es mich traurig, dass der Drogenmissbrauch nichts an Aktualität verloren hat.» Halbheer hofft, mit ihrer Geschichte anderen Kindern von drogensüchtigen Eltern ein Schicksal zu ersparen, wie sie es hatte. Das sei immer schon ihr Antrieb gewesen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Der neue Film von Pierre Monnard basiert auf Halbheers Buch: «Platzspitzbaby». Video: YouTube/AscotElite

Bei der Anfrage, ob sie das Filmprojekt unterstützen und begleiten wolle, habe sie sofort zugesagt. Zuerst schien es ihr, dass ein Dokumentarfilm als Umsetzung passender gewesen wäre. Doch nun ist sie froh, dass der Film fiktional ist und damit «zwar eine Geschichte über das Kind einer Drogenabhängigen erzählt, aber nicht spezifisch meine Geschichte».

«Ohne Weinen schaffe ich es nicht, den Film durchzustehen.»Michelle Halbheer

So heisst das Mädchen in der Kinoversion dann auch Mia, nicht Michelle. Auch einige andere Figuren und Teile der Handlung sind abgeändert. Und doch: «Ohne Weinen schaffe ich es nicht, den Film durchzustehen.» Das erste Mal sah sie ihn in privatem Rahmen, «damit ich auf Pause drücken konnte, wenn es mir zu viel wurde». (Lesen Sie hier, wie es einer Heroin-Süchtigen, die die Platzspitzzeit erlebte und heute in einer städtischen Einrichtung lebt, beim Schauen des Films ging.)

Gespielt wird die Protagonistin von Luna Mwezi, die in «Platzspitzbaby» das erste Mal vor der Kamera steht. Halbheer lernte die Zwölfjährige an einem Fest des Produktionsteams kennen. «Wir sassen uns am Tisch gegenüber, grinsten uns an, und verstanden uns auf Anhieb super.» Schaue sie Kinderfotos von sich an, seien die Ähnlichkeit zwischen Mwezi und ihr gross. Kurz danach besuchte Halbheer das Set mit der Absicht, einen Tag lang zuzusehen.

Bewegte Geschichte der offenen Drogenszene

1970er
Die erste offene Szene formiert sich an der sogenannten Riviera: den Treppen am oberen Ende des Limmatquais. Noch wird in erster Linie Hasch geraucht.

1980
Beim Carparkplatz am HB entsteht das Autonome Jugendzentrum Zürich, in dem es bald auch einen Fixerraum hat. 1982 wird das AJZ unter Polizeischutz abgerissen.

1986
Die Drogenszene beginnt, sich mehr und mehr auf dem Platzspitz beim Landesmuseum zu versammeln. Daraus wird schliesslich der «Needle Park».

1988
Gründung des Projekts Zipp-Aids. Zur Aids-Prävention werden unter anderem medizinische Beratungen angeboten und saubere Nadeln abgegeben.

November 1991
Gründung der Projektorganisation Offene Drogenszene Zürich (PODZ) unter der Leitung des Polizeivorstehers Robert Neukomm, die das Problem angehen soll.

5. Februar 1992
Der Platzspitz wird von der Polizei geräumt, Gittertore werden installiert. Die Süchtigen verschwinden aber nicht einfach, sondern wandern in die umliegenden Gebiete ab.

1992
Die Szene formiert sich am stillgelegten Bahnhof Letten. Es geht nicht lang, und es herrschen noch schlimmere Zustände als am Platzspitz.

14. Februar 1995
Die Polizei räumt das Lettenareal und riegelt es mit Stacheldraht ab. Begleitende Massnahmen sorgen dieses Mal dafür, dass sich die offene Drogenszene auflöst.

Gedreht wurde eine Szene, in der die Mutter in einem Drogenhaus auf dem Land verkehrt – nach der Räumung des Platzspitz wurden viele Süchtige in die umliegenden Gemeinden abgeschoben. Die Tochter erwischt sie auf Drogen mit ihren alten Bekannten aus Zürich. «Luna sollte beim Dreh vor Verzweiflung laut schreien.» Zu viel der Erinnerungen für Halbheer. «Luna spielte in dem Moment wirklich mich.» Halbheers Partner habe das gespürt und sie gefragt, ob sie gehen wolle. «Ich konnte nur noch nicken», sagt sie.

Froh ist Halbheer, dass die Darstellerin der Mutter ihrer eigenen optisch nicht gleicht. «Mir war es extrem wichtig, dass sich die Filmmutter von meiner unterscheidet.» Die Filmcrew habe ihr deshalb zugesichert, dass die Figur keine dunkle Hautfarbe habe. Gespielt wird sie von Sarah Spale – man kennt sie als Hauptfigur aus der Serie «Wilder», wo sie bereits mit «Platzspitzbaby»-Regisseur Monnard zusammenarbeitete. Sich die Stadt zurückholen.

Verhasste Unterführung

Standortwechsel. Wir laufen mit Halbheer Richtung Sihlquai. «Ich erinnere mich an zahllose bange Autofahrten im Schritttempo auf der Suche nach meiner Mutter». Dann gehen wir über den Limmatplatz die Langstrasse hinauf. Vor der Unterführung in den Kreis 4 bleibt Halbheer stehen. «Ich hasse diese Unterführung. Zu oft musste ich hier mit meiner Mutter durchlaufen, um auf der anderen Seite ‹öppis go z hole›, Drogen für sie zu kaufen.» Das ist eine der Szenen, die auch Eingang in den Film fand. Gut erkennbar ist darin zudem das ehemalige Sexkino Roland; wir sehen es, als wir nach den Bahngleisen aus dem Tunnel kommen.

Vor dem Eingang zum Club Gonzo sagt Halbheer: «Hier stand früher ein Haus, in dem sich meine Mutter Drogen besorgte. Ich wartete draussen an dieser Ecke auf sie, mit Blick so wie jetzt auf die Olé-Olé-Bar.» Immer darauf hoffend, dass keine Polizisten kommen. «Es dauerte, bis ich Zürich wieder zu meiner Stadt machen konnte.»

«Zeit heilt keine Wunden. Und doch bin ich noch hier.»Michelle Halbheer

Trotz der Sonne beginnt die Kälte, an uns zu nagen. Halbheer mag den Winter nicht. «Ich habe viel gefroren in meinem Leben», sagt sie bei einem Tee in einer nahen Bar. «Zeit heilt keine Wunden. Und doch bin ich noch hier.» Dass Narben Menschen auch interessant machen können, zu dieser Einsicht sei sie durch jahrelange Therapie und Achtsamkeitstraining gekommen.

Vor kurzem ist Michelle Halbheer mit ihrem Partner zusammengezogen, und sie hat einen neuen Job angefangen. «Die schlechten Momente gibt es noch, doch ich versuche, mich davon nicht den ganzen Tag runterziehen zu lassen.» Das gelinge nicht immer. «Ich bin keine Happy-End-Ikone.»


Platzspitzbaby
Von Pierre Monnard, CH 2019, 100 Min.

Zürich nach der Schliessung des Platzspitz 1992: Immer wieder muss die elfjährige Mia (Luna Mwezi) ihre Junkie-Mutter (Sarah Spale, «Wilder») auf der Drogenszene am Letten suchen oder ihr dabei helfen, an der Lang­strasse Stoff zu beschaffen. Nur eine Kindergang gibt Mia etwas Halt. Das ist einer dieser Filme, bei dem ein Kloss im Hals zurückbleibt. Weil er ein düsteres Stück Zürcher Geschichte authentisch aufarbeitet. Weil er hinschaut, wenn man längst wegschauen möchte. Weil man zusammen mit Mia hofft, dieses Mal käme die Mutter von den Drogen los, und sieht dann, wie sie noch tiefer fällt. Und weil Mwezi und Spale das alles sensationell spielen. Seltsam fremd wirkt einzig Mias imaginärer Musiker-Freund (Delio ­Malär), mit dem zusammen sie immer wieder «Sloop John B» von den Beach Boys singt, um sich in eine Fantasiewelt zu flüchten. (aka)

Erstellt: 16.01.2020, 19:49 Uhr

Michelle Halbheer


Die 34-jährige Zürcherin wuchs als Scheidungskind bei einer drogen­abhängigen Mutter auf, als Teenager kam sie bei streng religiösen Pflegeeltern unter. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie – mit Unterstützung der Autorin Franziska K. Müller – in der Autobio­grafie «Platzspitzbaby». Die Verfilmung gibt nicht direkt ihre Geschichte wieder, nimmt sie aber als Grundlage für die Handlung. (ggs)

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