Dieser Film gerät aus dem Gleichgewicht

Die Schauspielerin Judi Dench leitet in «Red Joan» leider bloss die Rückblenden ein. Man hätte es sich anders gewünscht.

Sie sagt, sie wisse von nichts: Die Rentnerin hat es sich in ihrem Sessel bequem gemacht.

Sie sagt, sie wisse von nichts: Die Rentnerin hat es sich in ihrem Sessel bequem gemacht.

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Man muss zweimal schauen, aber unter der Strubbel-Perücke der alten Dame, die da im Garten an einem Busch herum­schnippelt, steckt Judi Dench. Sie spielt in «Red Joan» ein Grosi, wie es harmloser nicht aussehen könnte. Aber hoppla, schon steht die Polizei vor der Tür und führt sie zum Verhör ab.

Was ist da los? In einer graziösen Judi-Dench-Handbewegung führt Joan den Finger vor den Mund und schaut schräg nach oben. Wir wissen sofort, was geschehen wird: Es folgt eine Rückblende. Schwupps sind wir bei der jungen Joan (gespielt von Sophie Cookson) und bei einem feurigen Kommunisten, in den sie sich während des Studiums in Cambridge verliebt. Es geht um Kernfusionen und Atomspaltungen, um Liebe und Verrat.

Damit wir die zweite Zeitebene nicht vergessen, springt der Film immer wieder zurück zu Dench, manchmal nur für ein paar Sekun­den, bevor sie wieder die Augen verdreht. Am Schluss darf die alte Joan noch sagen, sie habe die Pläne den Sow­jets gegeben, um einen Atomkrieg zu verhindern, und der Kalte Krieg mit dem «Gleichgewicht des Schreckens» habe ihr recht gegeben. Ende.

Jemand hat das land verraten: Hat die charismatische Rentnerin etwas damit zu tun? Video: YouTube/Impuls Movies

Mein Kollege Pascal Blum hat Rückblenden einmal als das Unkraut unter den Erzähltechniken bezeichnet. Hier wird deutlich, weshalb: Judi Dench ist da und doch nicht da. Sie hält zwar seit «Shakespeare in Love» (1999) den Weltrekord für den kürzesten Auftritt, der einer Schauspielerin je den Oscar einbrachte (es waren 8 Minuten als Königin Elizabeth I.).

In «Red Joan» jedoch liegt der Fall anders: Die eigentliche Geschichte spielt in den Rückblenden, aber alles, was wir sehen wollen, ist die göttliche Judi Dench. Der Film gerät so völlig aus dem Gleichgewicht. Schrecklich.

In diversen Kinos

Erstellt: 19.06.2019, 13:29 Uhr

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