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«Dieser Unort ist die ganze Welt»

Die Schweizerin Nicole Vögele drehte «Closing Time» in einem Imbissrestaurant in Taipeh. Wie das kam, erzählt sie im Gespräch.

Pascal Blum
Kocht die ganze Nacht: der Koch im taiwanesischen Imbiss.
Kocht die ganze Nacht: der Koch im taiwanesischen Imbiss.

Wie kommt man auf die Idee, in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh einen Dokumentarfilm in der Garküche «Litte Plates with Rice» zu drehen, die die ganze Nacht offen hat?

Ich war vor ein paar Jahren mit meinem letzten Film Gast an einem Filmfestival in Taipeh. Mich faszinierte die Art, wie diese Metropole in der Nacht einfach weitermacht. Die erste Idee war, auf Nachtmärkten zu drehen, wo es die ganze Nacht lang etwas zu essen gibt. Dort sassen wir mehrere Abende in kleinen Lokalen und beobachteten die Leute. Eines Nachts waren wir überzeugt, wir könnten zu Fuss nach Hause gehen. Unterwegs haben wir uns natürlich verirrt und sind irgendwann in jener Garküche gelandet, in der «Closing Time» nun spielt.

Und dort konnte Sie mit ihrem Team einfach so drehen?

Die Betreiber reden fast kein Englisch und fanden es anfangs eher lustig, dass wir ihren Imbiss filmen wollten anstatt ein fancy Restaurant. Die Garküche liegt ja an einer Art Unort – unten eine Durchgangsstrasse, obendrüber ein Highway. Aber auf diesen 150 Metern Strasse gab es eben doch alles. Eine ganze Welt.

«In der Nacht wirken viele Dinge intimer.»

Nicole Vögele, Regisseurin

Was genau?

Mich faszinierte etwas, was bei uns nicht sehr weit verbreitet ist: Dass in Taipeh und überhaupt im asiatischen Raum viele Leute ihren Job dann, wenn wir Feierabend hätten, noch lange weitermachen oder überhaupt erst anfangen zu arbeiten. Darum gibt es in Taipeh viele Leute, die auch in der Nacht etwas zu essen kriegen wollen. Kommt dazu, dass die Nacht sowieso die andere Zeit ist. In der Nacht wirken viele Dinge intimer. Näher.

Sie drehen auf essayistische Art, zeigen manchmal auch nur Muster und Flächen. Die technologischen Möglichkeiten begünstigen heute eine solche Ästhetik, und gleichzeitig scheinen wir verlernt zu haben, Bilder wahrzunehmen, die nicht im Dienst einer Erzählung stehen.

Ich finde die Idee zentral, dass ein Bild über das hinausgehen kann, was es zeigt. Nicht nur das, es müsste eigentlich mehr sein als das, was es darstellt. Wir Menschen funktionieren doch so, dass wir einander Geschichten erzählen, die nachvollziehbar sind. Dabei geschehen im Leben ständig Dinge, die sich sehr schwer einordnen lassen. Zwischen diesen beiden Erfahrungen klafft eine Lücke, und diese Lücke interessiert mich. Dabei verstehe ich mich nicht als Künstlerin, die mit einer fertigen Vision herumrennt. Sondern ich habe durchaus das Gefühl, dass sich auch mein eigenes Leben nicht so einfach in eine geradlinige Erzählung pressen lässt, und das möchte ich mit meinen Filmen ausdrücken.

Wie reagieren Freunde auf die Art von Dokumentarfilmen, wie Sie sie machen?

Natürlich braucht es eine gewisse Bereitschaft, sich auf einen solchen Film einzulassen. Aber wenn ich mich an unsere Premiere in Locarno im vergangenen Jahr erinnere, dann weiss ich, dass es eine überraschend grosse Offenheit für die Art von Filmen gibt. Es ist ein Film, der einen auf eine Wahrnehmungsreise mitnimmt.

Der ungarische Regisseur Béla Tarr war bei Ihnen Schnittberater, stimmt das?

Ja, das war lustig. Ausgerechnet Béla Tarr sagte: «Nicole, you need a story! You need catharsis!» Dann denkt man: «Oh, wo sollen wir denn das jetzt herholen? Dieser Film ist doch eher eine Meditation.» Dabei ist es mit unserem Film ähnlich wie mit der Lyrik. Da kommt auch keiner und fragt: Wo ist denn hier die Story?

Houdini

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