Ein ganz unschuldiger Nazi

Der Film «Waldheims Walzer» erinnert an Kurt Waldheim, der österreichischer Bundespräsident werden wollte. Dann flog seine Vergangenheit als SA-Soldat auf.

Am Ende hatte er es geschafft: Waldheim kurz vor seiner ersten TV-Ansprache als Bundespräsident.

Am Ende hatte er es geschafft: Waldheim kurz vor seiner ersten TV-Ansprache als Bundespräsident.

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Irgendwann 1986 hatte der damalige österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz, den man immer etwas unterschätzte, weil er ein wenig kartoffelig aussah, eine rhetorische Sternminute. Das war im Wahlkampf ums Amt des Bundespräsidenten, als über dem Kandidaten der Österreichischen Volkspartei, Kurt Waldheim, das Gerüst einer Geschichts- und Lebenslüge zusammenbrach.

Man war dem ehemaligen UNO-Generalsekretär, dem Mann, «dem die Welt vertraut», wie es auf seinen Plakaten hiess, nämlich auf seine Nazi-Vergangenheit gekommen: auf seine Mitgliedschaft in einer SA-Reiterstandarte und auf seinen Kriegsdienst von 1942 bis 1944 als Informationsoffizier in Jugoslawien und Griechenland.

Er wollte von nichts wissen

Waldheim hatte das nie für erwähnenswert gehalten und stritt es auch jetzt ab. Erst als es nicht mehr anders ging, gab er den Kriegseinsatz zu, als «anständiger Soldat, der zum Dienst in der deutschen Armee gezwungen wurde», aber niemals seine Nazi-Verstrickung und schon gar nicht das Wissen um Massaker und Deportationen.

Video: YouTube/Filmladen Filmverleih

Derart verhedderte sich der Kandidat Waldheim in dieser Geschichte, dass er bei seinen Auftritten immer irrläuferischer und grössergestig von Schmutzkampagnen sprach und von seinem Anstand und davon, dass das Ausland und der Jüdische Weltkongress sich nicht so haben sollten, weil damals schliesslich auch die Österreicher gelitten hätten. Da aber lupfte es dem Sozialdemokraten Sinowatz eben den Hut, und er sagte: «Wir nehmen zur Kenntnis, dass er nicht bei der SA war, sondern nur sein Pferd.»

Walzer zwischen Halbwahrheit und Lüge

Ein Wort für die Ewigkeit und die eleganteste Abfuhr für einen ertappten Opportunisten. Nun ist es Teil von Ruth Beckermanns Dokumentarfilm, den man auch eine elegante Montage nennen darf. Aus Archivmaterial ersteht eine Zeit. Man sieht da einen Politiker seinen Walzer tanzen zwischen Halbwahrheit und Lüge. Und es ist eine feine Geschichtslektion über eine Nation in ihrem Widerspruch zwischen der erkannten Schuld und dem Nichts-mehr-wissen-Wollen.

Waldheim wurde 1986 dann ja doch gewählt von denen, sie sich nichts sagen lassen wollten; von denen, die darauf bestanden, Österreich sei «Adolf Hitlers erstes Opfer» gewesen; und von den ­Nichtwissern, die, als Hitler 1938 auf dem Wiener Heldenplatz umjubelt wurde, offenbar grad in Bad Ischl in den Ferien waren.

Xenix
Kanzleiareal
So 12 Uhr
Weitere Vorführungen:
Jeweils am Sonntag bis 28.10.
www.xenix.ch

(Züritipp)

Erstellt: 10.10.2018, 15:01 Uhr

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