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Eine Million für ein Bein

Eine Sängerin muss Geld auftreiben für die Operation ihres Sohnes. Das kongolesische Drama besticht durch erzählerischen Wagemut und die Präsenz der Hauptdarstellerin.

Félicité muss sich allein um ihren Sohn kümmern.
Félicité muss sich allein um ihren Sohn kümmern.

«Du wolltest doch eine starke, unabhängi­ge Frau sein!», höhnt Félicités Ex-Mann, ehe er sie von seiner Türschwelle jagt. Die Sängerin braucht wirklich alle Stärke, die sie besitzt (und die ist beträchtlich), und alle Hilfe, die sie kriegen kann (die ist eher spärlich). Denn ihr Sohn hatte einen Unfall und wartet in einem rudimentär eingerichteten Krankenhaus auf die Operation, die sein verletztes Bein retten kann. Nur, die gibt es erst nach Vorkasse, und wie soll Félicité auf die Schnelle eine Million Kongo-Francs auftreiben?

So läuft sie rastlos durch die staubigen Strassen der 10-Millionen-Stadt Kinshasa, um ausstehende Gagen einzutreiben und alle, die sie kennt, und noch einige mehr um Geld zu bitten. Man sieht dabei, dass nicht nur das Gesundheitssystem der Demokratischen Republik Kongo zu wünschen übrig lässt, sondern auch nur derjenige zu seinem Recht kommt, der die Polizei besticht.

In allen seinen Filmen finde sich die Dialektik von Kampf und Akzeptanz, sagt der Regisseur und Drehbuchautor Alain Gomis («Aujourd’hui»). Doch diesmal wollte er unbedingt eine weibliche Hauptfigur. Als der Franzose mit senegalesischen Wurzeln ein Video der kongo­lesischen Supergruppe Kasai Allstars sah, war er nicht nur begeistert vom rauen Timbre der Sängerin Muambuyi, sondern fand auch die Inspiration zu seiner Geschichte. Statt mit jener Sängerin besetzte er die Hauptrolle jedoch mit Véro Tshanda Beya, die schon etwas Erfahrung im Volkstheater mitbrachte.

Ein von Not diktierter Spiessrutenlauf

Das war eine gute Wahl; von der ersten Szene an, da ihr Gesicht im schummrigen Licht einer Nachtbar auftaucht und ihr Gesang die schwatzenden, krakeelenden oder schlicht betrunkenen Gäste allmählich in den Bann zieht, erfüllt sie die Leinwand mit ihrer Präsenz. Gleich, ob sie sich in ihrem Wettlauf gegen die Zeit von einer Tante beschimpfen lassen muss («Wie bist du so hässlich geworden?»), von einer aufgebrachten Schuldnerin statt Geld ein Kind in die Hand gedrückt bekommt («Verkauf sie doch!») oder ob ein örtlicher Grande ihr Prügel androht, immer strahlt sie diesen erstaunlichen Stolz aus.

Filme, die ihre Protagonisten auf einem von der Not diktierten Spiessrutenlauf begleiten, bilden eine starke Traditionslinie des sozial­kritischen Kinos, vom Neorealismus-Klassiker «Ladri di biciclette» bis zu den Dardenne-Brüdern («Deux jours, une nuit»). Die erste Hälfte von «Félicité» folgt diesem Muster, welches das Publikum so schön mitfiebern lässt. Doch als Félicité dann den Boden unter den Füssen verliert, gerät auch «Félicité» dramaturgisch in die Schwebe. Von da an gibt es immer häufiger Traumsequenzen (oder sind es Vorausblenden?), in denen sie nachts im Wald ist.

Die Musik spielt eine grosse Rolle, oft ist sie kontrastierend eingesetzt. So probt ein Symphonieorchester ein Stück von Arvo Pärt, das dem Alltag von Kinshasa eine erhabene Aura verleiht. Geerdet ist dagegen Félicités keimende Beziehung zu Tabu, einem versoffenen Schwerenöter, der hofft, ihr Herz zu gewinnen, indem er ihren Kühlschrank repariert. Richtig stolz wird er beim Anblick einer Verkehrsampel in Gestalt eines überdimensionierten Spielzeugroboters: «Im Kongo gebaut!» Auch solche surreal-komischen Momente hält dieses vielschichtige, starke Stück afrikanisches Kino bereit.

Kino Riffraff

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