Er provozierte Regierungen

Der ägyptische Filmemacher Youssef Chahine war nicht zuletzt der Schreck von Kritikern.

«Die Erde»: Das Porträt eines Bauerndorfs in den 30ern.

«Die Erde»: Das Porträt eines Bauerndorfs in den 30ern.

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Retrospektive Die Fundamentalisten seiner ägyptischen Heimat lehrte er ebenso das Fürchten wie die Puristen unter den Filmkritikern: Regisseur Youssef Chahine (1926–2008) brach unbekümmert Tabus und sprengte den Rahmen der Genres. Bereits «Hauptbahnhof» entzog sich 1958 mit seiner komplexen Erzählstruktur und in der Zuschreibung der Sympathien jeder Konvention des Kriminalfilms.

Die Zensur konnte Chahines subversivem Elan nie ganz Herr werden. Er täuschte sie, indem er unverfängliche Musik-und Tanzszenen einflocht oder sich die soziale Realität kraft der Symbolwelt des Märchens erschloss.

Der Film von 1958 bricht Tabus; damals wie heute.

So konnte Chahine zu einem Chronisten der politischen Umbrüche werden, dem Zusammenprall der Kulturen und Streit zwischen Tradition und Moderne. Im pastoralen Epos «Die Erde» verlegt er die Analyse feudaler Strukturen zurück in die 30er-Jahre -- aber jeder Zuschauer verstand, dass die Gegenwart von 1970 gemeint war. «Der Spatz» geht 1972 der Frage nach, warum Ägypten so viele Kriege gegen Israel verloren hat und entzaubert die Mythen, mit denen die Regimes diese Niederlagen verschleiern.

«Alexandria … warum?» wurde 1979 in mehreren arabischen Ländern verboten, weil Chahine auf der Weltoffenheit der Metropole beharrte und ein jüdisches Mädchen eine zentrale Rolle spielen lässt. Welch furchtloser Filmemacher er war, demonstriert «Eine ägyptische Erzählung» von 1982, wo er seine eigene Herzoperation thematisiert.

Mit Marcel Ophüls verband ihn die Lust an der wüsten, gleichwohl sinnfälligen Assoziation. Umstandslos knüpft Chahine Elemente des Melodrams, Musicals und Pamphlets in seinen filmischen Argumentationsfaden. Sein Kino ist ein Cocktail unverträglicher Zutaten. Dass er den Zuschauern dennoch bekommt, verdankt sich der ungestümen Sinnlichkeit seines Kinos: die Montage ist rissig, die Licht- und Farbdramaturgie expressiv, das Spiel der Darsteller verzückt.

Filmpodium
Nüschelerstr. 11
Do 16.5.–Fr 28.6.
www.filmpodium.ch

Erstellt: 15.05.2019, 11:49 Uhr

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