Er erklärte den Schweizern die Schwarzen

Der Film «African Mirror» ist ein kluges Essay und entstand dank dem Nachlass des Afrika-Experten René Gardi.

Zeit der Kolonialisierung: Ein französischer Beamte treibt Steuern ein.

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Oha. Bleibt das so? Auf verwackelten Aufnahmen sieht man irgendwelche Felsen, auf denen dunkle Gestalten sitzen. Eine Stimme raunt dazu etwas von «Wilden», die Schweizer Berglern ähnlich und insofern wahre Demokraten seien. Am liebsten würde der Sprecher um das Stammesgebiet dieser «Neger» einen Zaun bauen, um sie vor schädlichen Einflüssen zu schützen.

Es bleibt nicht so. Die Bilder werden sehr viel besser. Diese ersten Aufnahmen stammen halt von frühen Reisen des Berners René Gardi (1909–2000) in den Norden Kameruns. Auf der Suche nach dem einfachen, ursprüng­lichen Leben kam der ehemalige Sekundarlehrer erstmals 1948 nach Afrika. Der Kontinent begeisterte ihn dermassen, dass er danach alle 18 Monate hinreiste und dank Büchern, Fernsehsendungen und Filmen für die Schweizer Bevölkerung zum Afrika­vermittler schlechthin wurde.

Jemanden denunzieren ist einfach: Der Film geht tiefer. Video: YouTube/Outside the Box

Als der 1984 geborene Mischa Hedinger in Burkina Faso für eine NGO unterwegs war, fühlte er sich unbehaglich in seiner Rolle als weisser Filmemacher. Das weckte bei ihm Erinnerungen an Gardi. Im Zug seiner Nachforschungen erwarb Hedinger den gewaltigen Nachlass dieses Schweizer Afrikaliebhabers und schuf daraus «African Mirror». Die grosse Stärke des Films ist, dass Hedinger Gardi nicht einfach als blöden Rassis­ten denun­ziert, sondern durch geschickte Montage ihn selbst sich in seiner ganzen Zwiespältigkeit darstellen lässt.

Da fragt Gardi uns Schweizer: «Wer von uns möchte noch in einer Lehmhütte ohne Möbel wohnen?» (Man beachte das «noch».) Aber Gardi zeigt auch, wie französische Kolonialisten Afrikaner dazu bringen, Arbeit gegen Geld zu verrichten – damit sie dann auch Steuern zahlen können, wie es sich gehört. Ein ebenso komischer wie aufschlussreicher, schlauer Film.

Riffraff
Langstrasse / Neugasse
Do–Mi 14.40 Uhr, 21 Uhr,
Do–Mo 17.40 Uhr; Di 18.30 Uhr, anschl. Podium; So 11.50 Uhr
www.riffraff.ch

Erstellt: 13.11.2019, 17:40 Uhr

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