Er wollte berühren und schockieren

Acht Jahre nach dem Tod von Alexander McQueen erscheint erstmals ein Dokfilm über den Modedesigner. Der Westschweizer Ian Bonhôte war Co-Regisseur.

McQueen war gelernter Schneider, brach aber mit den geltenden Regeln: der Designer bei der Arbeit im Atelier.

McQueen war gelernter Schneider, brach aber mit den geltenden Regeln: der Designer bei der Arbeit im Atelier.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sein Wirken war kurz – und doch war der Modedesigner Lee Alexander McQueen so bedeutend, dass er eine ganze Generation von Kreativen inspirierte.

Wie rasant McQueens Aufstieg war, wie er vom pummeligen Schneiderlehrling aus dem Londoner East End, der einst sein Arbeitslosengeld in Stoffe statt in Essen investierte, zum Star der Modewelt wurde, zeigt «McQueen». Der Dokfilm macht auch deutlich, weshalb McQueens Arbeit so revolutionär war: Er wollte schockieren, berühren; Hauptsache, man fühle sich nicht wie nach einem Sonntagslunch, sagte er einmal.

Kate Moss als Hologramm

Er liess Kate Moss als Hologramm auftreten, Roboter auf dem Laufsteg ein weisses Kleid mit Farbe besprühen und verstörte das Publikum, als am Ende einer seiner Shows ein riesiger Glaskasten barst und die korpulente Schriftstellerin Michelle Olley nackt, mit einer Maske und mit Motten dekoriert mitten auf dem Laufsteg lag.

Roboter besprühen ein Model in McQueens Show Frühling/Sommer 1999. Video: YouTube/Bart Moore.

Das Finale der «Voss»-Show im Jahr 2000. Video: YouTube/Kimberly Barsenas.

All diese Momente sind in «McQueen» zu sehen, ebenso wie alte Interviews mit dem Designer. Diese Passagen machen McQueens Kreativität sowie seine Unangepasstheit deutlich. Doch der Mensch Alexander McQueen wird am besten spürbar in den bisher unveröffentlichten Videos, gefilmt von ihm selbst oder seinen Freunden. Die verwackelten Bilder zeigen, wie er und sein Team im Atelier arbeiten und rumalbern, wie sie nach McQueens Ernennung zum Givenchy-Chefdesigner berauscht in Paris ankommen, wie McQueen seine Mutter besucht oder mit seinen Hunden spielt.

Der erste Dokfilm über das Leben des Modeschaffenden: «McQueen». Video: YouTube/AscotElite

Das eigentliche Verdienst des Regisseurduos Ian Bonhôte und Peter Ettedgui ist aber, dass sie es schafften, zahlreiche – bisher verschwiegene – Weggefährten für Interviews vor die Kamera zu holen, darunter ehemalige Chefs, den Ex-Freund, McQueens Neffen, seine Schwester. Und das, obwohl sie zuerst ein «flat no» von der Familie kassiert hätten, erzählt Bonhôte dem «Züritipp» am Telefon.

McQueen inspirierte eine ganze Generation – auch den Co-Regisseur

Der Westschweizer lebt seit Mitte der Neunziger in London. Auch ihn inspirierte McQueen. «Wir wollten einen Film über einen grossartigen kreativen Mann machen, seine Lebensgeschichte erzählen und nicht einen Modefilm drehen.» Es habe durchaus Personen aus der Modebranche gegeben, die überrascht waren, dass gerade er und Ettedgui diesen Film realisiert hätten, sagt Bonhôte. «Doch es war unser Glück, dass wir Branchen­fremde waren, wir haben weder Freund- noch Feindschaften.» So ist der Film weder Lobeshymne noch voyeuristisch, sondern ein Porträt über einen, der es aus dem Nichts an die Spitze schaffte – und trotzdem nicht glücklich wurde.

Lee Alexander McQueen designte für sein eigenes Label Alexander McQueen und für das französische Traditionshaus Givenchy: McQueen im Atelier.

Das Ende am Höhepunkt seiner Karriere

Im Februar 2010, am Abend vor der Beerdigung seiner Mutter, erhängte sich Lee Alexander McQueen in seinem Kleiderschrank. War der Druck, vierzehn Kollektionen pro Jahr designen zu müssen, zu gross? Waren es die psychischen Probleme und der Kokainkonsum? Der Tod seiner Mutter?

Der Film liefert darauf keine Antworten – und das ist gut so. Dass sich McQueen veränderte, wird auch für den Zuschauer augenfällig: Hüpfte er bei seinen ersten Shows euphorisiert in weiten Hemden dem Publikum entgegen, schlurfte er bei seinen letzten Präsentationen, im Designeranzug, schlank und nur noch müde winkend über den Laufsteg.

Erstellt: 22.08.2018, 13:58 Uhr

Artikel zum Thema

Der Hooligan, der am Modehimmel verglühte

Mit 27 wurde Alexander McQueen Chefdesigner von Givenchy. Darauf folgte ein tödlicher Absturz. Ein Dok-Film widmet sich nun der Karriere des Fashion-Berserkers aus London. Mehr...

«Schönheit ist heute verpönt»

Der amerikanische Star-Fotograf Erik Madigan Heck inszeniert Mode wie ein Maler. Wer die Kleider trägt, interessiert ihn nicht. Ein Interview in sechs Stichworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...