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«Erstaunlich viele liessen sich filmen»

«Midnight Family» zeigt eine mexikanische Familie, die davon lebt, Menschen zu retten. US-Regisseur Luke Lorentzen erzählt, wie er sie dabei begleitete.

Der Sanitäter behält einen kühlen Kopf: Die Notfallversorgung in Mexiko-Stadt hängt von privaten Anbietern ab.
Der Sanitäter behält einen kühlen Kopf: Die Notfallversorgung in Mexiko-Stadt hängt von privaten Anbietern ab.

Sie haben eine Familie begleitet, die in Mexiko-Stadt eine Ambulanz fährt und betreibt. Hat die Stadt denn keine eigenen Kranken­wagen?

Die Stadtverwaltung hat für ihre 9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner weniger als 45 Krankenwagen zur Verfügung. Als Folge davon gibt es private Ambulanz-Unternehmer wie die Familie Ochoa, die die Lücke füllen. Manche von ihnen sind registriert, andere nicht. Sie sind auf sich gestellt und befinden sich im Wettstreit miteinander, wer als Erstes an eine Unfall­stelle kommt.

Wie haben Sie die Familie kennen gelernt?

Ich wohnte in Mexiko-Stadt und sah die Ochoas mit ihrem Krankenwagen in der Strasse vor meiner Wohnung. Ihre Arbeit faszinierte mich, und da fragte ich sie, ob ich mitfahren könne. Über einen Zeitraum von drei Jahren begleitete ich sie in fast 100 Nächten. Wir begannen jeweils etwa um ein Uhr nachmittags und hörten gegen sieben Uhr ­morgens auf.

Das war sicher ermüdend.

Es war ein schwieriger Arbeitsprozess. Ich bin eine Ein-Mann-Crew. Einerseits arbeite ich gern so, andererseits war einfach der Platz im Kranken­wagen ein­geschränkt. Ausserdem stellten sich immer ­wieder ethische Fragen.

Zum Beispiel?

Das Überleben der Ochoas kontrastiert mit dem Überleben der Patienten, und gegen Ende wird dieser Konflikt immer vertrackter. Als Filme­macher muss ich die Menschen dazu bringen, dass sie mir ihre Geschichten anvertrauen. Aber ich muss auch ihre mora­lisch fragwürdigen Handlungen zeigen.

Apropos moralisch fragwürdig: Wie verhielten Sie sich beim Filmen von Unfallstellen?

Ich brauchte lange, um die richtige Art und Weise herauszufinden. Ein­einhalb Jahre lang filmte ich keine Unfall­stellen, ich fühlte mich unwohl dabei. Dann realisierte ich, dass ich vieles von dem, was die Ochoas durchmachen, versäumte. Ich fragte die Patienten, ob ich sie filmen dürfte, und erstaunlich viele gaben ihre Zusage. Wenn nicht, schaltete ich die Kamera aus. Ich musste an jede Situation neu herangehen, folgte aber gewissen Regeln: Ich filmte keine Gesichter und keine Bewusstlosen.

Ab Do 2.1. Houdini Badenerstr. 173www.kinohoudini.ch

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