«Es zog mich an die Grenze»

Nach elf Jahren hat Valeska Grisebach wieder einen Spielfilm gedreht: «Western». Die Regisseurin spricht mit uns über Helden und Männer.

Meinhard arbeitet auf einer Baustelle in Bulgarien.

Meinhard arbeitet auf einer Baustelle in Bulgarien.

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Ihr Film wurde in Cannes mit dem Slogan «Von den Produzenten von ‹Toni Erdmann›» präsentiert. War der Erfolg von Maren Ades Komödie für Sie eine Bürde?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Mit Maren Ade in Zusammenhang zu stehen, das war und ist sehr förderlich, eine solidarische Gemeinschaft.

Zwischen «Toni Erdmann» und «Western» gibt es auch einen inhaltlichen Zusammenhang: den Blick nach Osten.
Das hat uns beide überrascht, Maren Ade und mich, dass wir so synchron Richtung Osteuropa geguckt haben. Unsere Projekte entstanden in etwa parallel, wir beide hatten anfangs Rumänien im Auge. Maren ging dann mit ihrer Unternehmensberaterin tatsächlich nach Bukarest und ich mit meiner Gruppe deutscher Bauarbeiter nach Bulgarien.

Wie kam es zu dem Titel «Western»?
Ich bin mit Western gross geworden, der Western war das Genre, das bei mir in meiner Kindheit, vor dem Fernseher meiner Grosseltern, am meisten Herzklopfen ausgelöst hat. Auch wenn er gemeinhin als Jungsgenre gilt, habe ich mich immer mit seinen Heldenfiguren identifiziert. So mag mein Film auf einer persönlichen Ebene der Versuch sein, mit diesen männlichen Helden in Kontakt zu treten. Zugleich finde ich das Genre hochmodern, es verhandelt aktuelle gesellschaftliche Fragen. Folge ich dem Gesetz, oder soll das Recht des Stärkeren gelten? Wie verhalte ich mich in der Fremde gegenüber den Einheimischen?

Sie bringen klassische Westernmotive in Ihre Geschichte ein, wie zum Beispiel das Motiv des Männerduells in der Rivalität der deutschen Bauarbeiter Meinhard und Vincent.
Ihre Rivalität verbindet diese Figuren auch. Beiden ist gemeinsam, dass sie so um die fünfzig sind und das Gefühl haben, dass ihnen das Leben noch ein Abenteuer schulde. In beiden mag auch die Sehnsucht schlummern, in dieser bulgarischen Fremde irgendwo anzukommen, ein kleines Zuhause zu finden. In der Art, wie sie mit den Einheimischen in Kontakt treten, unterscheiden sie sich: Der eine versucht es über einen aggressiven Flirt, der andere geht sanfter vor.

Die Darsteller sind alle Laien?
Ja, alle. Dem Meinhard Neumann zum Beispiel, der im Film auch Meinhard heisst, bin ich begegnet, als ich gerade anfing, mich mit diesem Film zu beschäftigen. Ich bin damals ein wenig herumgefahren und wollte Interviews mit Männern zu ihren Alltagsduellen machen. Auf einem Pferdemarkt in der Nähe von Berlin habe ich ihn gesehen, und seine Erscheinung hatte einen Moment von ikonografischer Über­höhung, als käme er gerade aus einem alten Film herausspaziert und könnte jetzt in unseren Film hineinspazieren.

Wie haben Sie das bulgarische Dorf gefunden, das Ihr Hauptschauplatz wurde?
Bei einer Recherchereise ins Grenzgebiet zu Griechenland. Schon bei den ersten Reisen nach Bulgarien hat es mich immer an die Grenze gezogen. Das fand ich interessant für den Film, weil die Grenze mit der aktuellen Diskussion um Abgrenzung zu tun hat. Zu Beginn eines Projekts gibt es bei mir keine fertige Geschichte, ich habe Themen, etwas, das mich beschäftigt.

Seit Ihrem letzten Spielfilm, dem Liebesdrama «Sehnsucht», sind ganze elf Jahre vergangen. Warum ist die Pause zwischen den beiden Werken so lang geworden?
Ich habe eine Tochter bekommen, habe dramaturgische Beratung für andere Filme gemacht. Ausserdem habe ich an Filmschulen unterrichtet. Dann habe ich lange über diesen Film nachgedacht, dann verschob sich der Dreh um ein Jahr, weil die Finanzierung geplatzt war. Manchmal denke ich, dass das frühe amerikanische Studiosystem gar nicht so schlecht war, wo John Ford zwei oder drei Western pro Jahr drehen konnte.

Im Kino Riffraff. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2017, 14:42 Uhr

Die Regisseurin Valeska Grisebach.

Western

Deutsche Bauarbeiter helfen, in der bulgarischen Provinz ein Wasserwerk aufzubauen. Die Begegnungen mit den Bewohnern des nahen Dorfes verlaufen erst misstrauisch, dann aber entwickelt sich eine Annäherung, bei der auch die deutsch-bulgarische Geschichte eine Rolle spielt. Nach und nach kristallisiert sich ein Duell zwischen den ungleichen Arbeitern Meinhard und Vincent heraus. Der behutsame Blick von Valeska Grisebach bei ihrem Drama «Sehnsucht» findet sich auch in «Western». Der Film lässt viele Motive aus dem Genre anklingen; es ist aber vor allem eine zauberhaft sanfte Studie über die Art, wie man sich gegenüber der Welt öffnet und sich dem Fremden ein Stück annähert. (blu)

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