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Fremd im eigenen Leben

Einen aktuellen Kinofilm zu Hause anschauen? Das geht, Andrea Štakas «Mare» kann man jetzt streamen.

Hin- und hergerissen: Mare (Marija Škaricic) zwischen Familie und Sehnsucht.
Hin- und hergerissen: Mare (Marija Škaricic) zwischen Familie und Sehnsucht.

Mares Mann bricht in die Stadt auf. Sie möchte spontan mit, man könnte doch mal wieder ins Kino gehen. Er aber verweist auf die Kosten – fürs Parkieren und fünf Eintrittstickets und alles! – und vertröstet sie auf den Weihnachtsmarkt. Es ist Sommer.

Mare (Marija Škaric?ic?), ihr Mann Duro (Goran Navojec) und ihre drei Kinder leben in der Nähe des Flughafens von Dubrovnik, wo Duro als Wachmann beschäftigt ist. Die Flugzeuge, die über ihnen am Himmel dröhnen, wirken wie Boten aus einer anderen Welt. Auch Mare arbeitete am Flughafen, ehe die Kinder kamen. Dass sie ihre alte Tätigkeit gerne wieder auf­nehmen würde, lässt sie gelegentlich durch­blicken.

Einstweilen ist sie aber mit Kochen, Putzen und Waschen beschäftigt, oder sie verkauft selbst gesammelte Kräuter, wenn sie einen neuen BH braucht. Dass sie stattdessen bald eine neue glänzende Bluse trägt, hat mit Pjotr (Mateusz Kosciukiewicz) zu tun. In dem pol­nischen Flughafenarbeiter, den sie zufällig kennen gelernt und zur Reparatur ihrer Waschmaschine nach Hause eingeladen hat, findet sie ein Ventil für ihre Sehnsüchte.

Gemäss Inhaltsangabe könnte «Mare» ein handelsübliches Melodram sein über eine Hausfrau mittleren Alters, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Ausbruch und der Bindung an die Familie. Doch es wäre kein Film von Andrea Štaka, wäre er nicht höchst eigenwillig und aus sehr persönlicher Perspektive erzählt. Moralische Wertungen – die sich im klassischen Melodram etwa darin äussern, dass bei Ehebruch der Mutter prompt ein Kind erkrankt oder stirbt – interessieren Štaka nicht. Es geht bei ihr stets darum, mit einer ausgefeilten Filmsprache die subjektive Sicht ihrer Protagonistinnen zu vermitteln.

So hatte in ihrem preisgekrönten Spielfilmdebüt «Das Fräulein» (2006) jede der Hauptfiguren ihre eigene visuelle Darstellungsweise; da ging es um drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in der Schweiz leben. Wie jener Film ist auch «Mare» auf Super-16-mm-Film gedreht (Kamera: Erol Zubcevic?). Das körnige, unvollkommene Bild verleiht Licht, Farben und Texturen seine ganz spezielle Haptik, dem auf dem Meer gleissenden Sonnenlicht ebenso wie dem Haar von Pjotr, der sich gerade an der Waschmaschine zu schaffen macht.

Sich fremd zu fühlen im eigenen Leben ist eine Erfahrung, die Štaka in ihren Werken in immer neuen Facetten einfängt. Sie manifestiert sich etwa im Exil, das einen befreien («Yugo­divas», 2000) oder ersticken («Das Fräulein») kann oder dafür sorgt, dass man sich selbst verliert («Cure», 2014). Obwohl im Exil zu sein, auch bei Mare eine Rolle spielt – sie wuchs in der Schweiz auf –, zeigt sich an ihr, wie Entfremdung sich in ein jedes Leben einschleichen kann: als nagendes Gefühl, dass dieses zugleich ein ganz anderes sein könnte. Die Rolle dieser Mare hat Štaka der Schauspielerin Marija Škaric?ic? auf den Leib geschrieben, die schon in «Das Fräulein» einen starken Auftritt hatte. Zuerst wollte diese nicht annehmen. Ein Glück, dass Škaric?ic? es doch tat: «Mare» ist ganz ihr Film.

«Mare» ist erhältlich auf cinefile.ch und myfilm.ch.

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