Gefährliche Filme

Vor zwanzig Jahren gaben die Briten Hongkong an China zurück. Nun wirft das Filmpodium einen Blick auf das entfesselte Kino der einstigen Kronkolonie.

Auf der Flucht vor Vietnams Kommunisten: «Boat People».

Auf der Flucht vor Vietnams Kommunisten: «Boat People».

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Dies ist kein Ort, um erschöpft oder mutlos zu sein. Sein Lebensrhythmus ist schnell und aggressiv. Er gibt ein unwiderstehliches Glücksversprechen ab. In dieser Metropole scheint alles möglich. Wer einmal hier ange­kommen ist, für den führt kein Weg zurück.

Für mehrere Jahrzehnte war Hongkong der Kino-Ort par excellence. Die ungeordnete Vitalität und die unentrinnbare Wahrnehmungsfülle der Stadt spiegelten sich in einer entfesselten Filmsprache, neonbunt verspielt und exzentrisch rhythmisiert. Das Filmpodium stellt ein bereits historisch gewordenes, aber nicht erloschenes Kino vor, das sich in intensiven Momenten erfüllt. Die Dringlichkeit dieses Filmschaffens ist freilich dem Argwohn geschuldet, es lebe von geborgter Zeit.

Die Aufbruchstimmung von Hongkongs Neuer Welle lässt sich auf das Jahr 1979 datieren, aber vertauscht man die letzten zwei Zahlen, kündigt sich bereits die Rückgabe der englischen Kronkolonie an Festlandchina im Jahre 1997 drohend an. Es ist ein Leichtes, in der gebrochenen Nostalgie von Stanley Kwans «Rouge» (1987) oder der melodramatischen Zerrissenheit von Peter Chans «Comrades: Almost a Love Story» (1996) Allegorien auf den ungewissen Status der Stadt und die Identitätssuche seiner Bewohner zu erblicken. Ann Hui erzählt in «Boat People» (1982) von der Flucht vor einem repressiven kommunistischen Regime.

Bis 1997 herrscht vorrangig eine wirtschaftliche Zensur. Das unabhängige Filmemachen ist eingebettet in eine prächtig funktionierende Industrie. Im Filmpodium wird es repräsentiert durch die Eskapaden der Actionhelden Jackie Chan und Sammo Hung sowie die komplexen Kampfkunst-Choreografien eines Tsui Hark, die wundersame Triumphe feiern über die Gesetze der Schwerkraft und der Ballistik.

Ein feinnerviger Chronist

Wie vital und innovativ das Genrekino auch nach 1997 noch ist, führt «The Mission» (1999) von Johnnie To vor. Er wird zum Erneuerer, weil er es brillant entschleunigt. Ein zentrales Motiv seines Werks, die Dynamik von Männergruppen, formuliert er hier mit mustergültiger Lakonie. Die geometrische Anordnung der Leibwächter beim Attentatsversuch in einem Einkaufszentrum offenbart ihre unterschiedlichen Charaktere besser als jeder Dialog und zeigt das System der Hierarchien und Verantwortlichkeiten auf bezwingende Art und Weise. Das filmische Universum von Johnnie To ist instabil; argwöhnisch erkundet die Kamera Orte und Personen­konstellationen.

Ein ebenso feinnerviger Chronist der gesellschaftlichen Umbrüche ist Fruit Chan. Er dreht «Made in Hong Kong» im Schicksalsjahr 1997. Der Titel klingt selbstbewusst und trotzig. Aber in die Geschichte jugendlichen Heranwachsens schlägt er den Widerhaken der Todessehnsucht: Insgeheim ist dies, wie zuvor schon «Rouge», ein Geisterfilm. Der junge Held findet nur Spiegelungen, aber nie Lösungen seiner Probleme. Er geht verloren in einem ausbeuterischen Lebensraum, in dem die Erwachsenen sich ihrer Verantwortung längst entzogen haben. Utopien sind in diesem verzweifelt gegenwärtigen Film nicht mehr erlaubt: Hongkong und Festlandchina werden wohl eher misstrauische Nachbarn als glückliche Wiedervereinigte sein.

1.7.-22.9., Filmpodium (Zueritipp)

Erstellt: 03.07.2017, 09:20 Uhr

Highlights

Rouge
Eine Kurtisane sucht als Gespenst ?nach ihrer verlorenen Liebe.
Sa 1.7., So 23.7., Mi 9.8.

Comrades: Almost a Love Story
Eine Frau und ein Mann vom Festland verlieben sich in Hongkong.
Do 27.7., So 30.7., Fr 4.8.

Boat People
Japanischer Journalist will einer Familie helfen, aus Vietnam zu flüchten.
Fr 28.7., Mi 2.8., Do 10.8.

Made in Hong Kong
Ein junger Mann arbeitet für die Mafia – bis etwas passiert.
Mo 21.8., Sa 26.8., Sa 2.9.

The Mission
Über den Alltag von fünf Leibwächtern eines Gangsterbosses.
Do 7.9., Di 12.9., Mo 18.9.

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