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Gejagt vom Zeitdruck

Ken Loach würdigt einmal mehr den kleinen arbeitenden Mann Englands; in «Sorry We Missed You» ist es ein Paketbote.

Zeit mit seiner Tochter: Ricky (Kris Hitchen) nimmt sie mit zur Arbeit.
Zeit mit seiner Tochter: Ricky (Kris Hitchen) nimmt sie mit zur Arbeit.

Wer von uns denkt schon über den Paketboten nach, der all das Zeug bei uns abliefert, das wir im Internet bestellt haben? Die Antwort lautet: Ken Loach, der britische Meister des sozialrealistischen Dramas. Und wer «Sorry We Missed You» gesehen hat, seinen ebenso analytischen wie berührenden neuen Film, tut es dann vielleicht auch.

Der Familienvater Ricky (Kris Hitchen) erhofft sich nach jahrelangen Gelegenheitsjobs eine bessere Zukunft als freiberuflicher Fahrer bei einem Paketzustelldienst. Die dortigen Sprachregelungen («Sie arbeiten nicht für uns, sondern mit uns!») locken mit Selbstständigkeit, doch die PET-Flasche, die Ricky fürs Erledigen der Notdurft in die Hand gedrückt bekommt, weist auf eine raue Arbeitsrealität hin: Der Zeitdruck ist zermürbend, auf kleinste Versäumnisse folgen happige Sanktionen, weshalb sich Ricky bald um nichts anderes mehr kümmern kann als um seine Arbeit.

Seine Frau Abby (Debbie Honeywood) hat als Altenpflegerin ebenso drückende Arbeitszeiten, und die halbwüchsigen Kinder bleiben meist sich selbst überlassen. Das alles wirkt sich zunehmend übel auf das Familienleben aus.

Regisseur Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty führen uns die ökonomischen Zwänge der Scheinselbstständigkeit exemplarisch vor Augen, doch wie ein papierenes Lehrstück wirkt das nie. Dazu sind die liebevoll gezeichneten Figuren viel zu lebensecht in ihren Schwächen und Konflikten. Auch die Darsteller sind so überzeugend, dass man die Geschichte allzeit gebannt verfolgt. Erzählt wird sie übrigens durchaus auch mit Humor, aber ohne in die Sentimentalitätsfalle zu tappen. Mit über 80 Jahren befindet sich Ken Loach auf der Höhe seiner Kunst.

Arthouse Le Paris / Houdini

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