«Gewalt ist weder lustig noch cool»

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra über den Stamm, der den Kokainhandel möglich machte – und über die Glorifizierung von Pablo Escobar.

Sie waren massgeblich am Drogenschmuggel der 60er und 70er beteiligt: ein Clan des südamerikanischen Volkes der Wayuu.

Sie waren massgeblich am Drogenschmuggel der 60er und 70er beteiligt: ein Clan des südamerikanischen Volkes der Wayuu.

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Ihr Film spielt in der Zeit des sogenannten Bonanza marimbera. Worum ging es da?
Es ist die Geschichte des Marihuana-Booms der 60er und 70er -- die Grundlage für den internationalen Drogenhandel. Das Volk der Wayuu war massgeblich darin verwickelt. Diese Geschichte ist kaum bekannt, selbst in Kolumbien. Aber was mit den Wayuu im Kleinen geschah, geschah später mit der ganzen kolumbianischen Gesellschaft.

Wie kam es dazu?
Die Wayuu haben schon immer mit den sogenannten Alijunas gehandelt – der Begriff bezeichnet alle, die keine Wayuu sind, seien es Kolumbianer oder Europäer. So wurden die Wayuu zu Experten im Handel. Und im Schmuggeln: Alkohol, Kleidung, Kaffee. Ihre Gegend war das Bindeglied zwischen dem Festland und der Karibik. Marihuana war zunächst bloss ein weiteres Produkt, das sie schmuggeln konnten, als sich durch die Hippiekultur in den USA eine Nachfrage entwickelte.

Der Marihuana-Boom kam dann aber zu einem Ende, als man anfing, in den USA selbst Marihuana anzubauen.
Die Nachfrage nach Marihuana schwand, und stattdessen kam der Kokainhandel.

«Die Gewalt hat die traditionelle Lebensweise der Wayuu nachhaltig erschüttert.»Ciro Guerra, Regisseur

Das wäre dann die Geschichte von Escobar und Co., wie man sie aus vielen US-Produktionen kennt. Was halten Sie von «Scarface» oder der Serie «Narcos»?
Deren Darstellung ist sehr problematisch, denn dort werden Gewalt und Verbrecher glorifiziert. Pablo Escobar oder Tony Montana erscheinen als Helden und Vorbilder. Gewalt wird gefeiert – aber wer sie selbst erlebt hat, weiss, dass Gewalt weder lustig noch cool ist. Und deswegen wollten Cristina Gallego und ich erzählen, was das für uns Kolumbianer wirklich bedeutet. Für uns geht es nicht um Helden und Bösewichte, sondern um die Zerstörung der Gesellschaft. Und was die Wayuu anbelangt: Die Gewalt hat ihre traditionelle Lebensweise nachhaltig erschüttert.

Wie geht es den Wayuu heutzutage?
Sie haben ihre Lehren gezogen: Als die Marihuana-Nachfrage sank, weigerten sie sich, mit dem Kokainhandel weiterzumachen, sie kämpften gegen die Kartelle. Dafür kamen die Bergbaufirmen in ihre Region, die die Flüsse für ihre Minen umleiteten. Vor einigen Jahren löste eine Dürre eine grosse humanitäre Krise aus. Viele Kolumbianer sehen die Wayuu als elende Bettler, aber sie haben eine alte, reiche Kultur, die florierte und erst durch den Kontakt mit dem Westen anfing zu siechen.

Waren die Wayuu bereit, Ihnen beim Film zu helfen, oder mussten Sie sie davon überzeugen?
Als wir zu ihnen gingen, waren wir nicht sicher, wie sie reagieren würden. Aber sie sprachen gern über ihre Geschichte. Viele von ihnen haben diese Zeit natürlich als Tragödie in Erinnerung, aber sie haben auch schöne Erinnerungen daran, denn es war eine Zeit des wirtschaftlichen Wachstums, ein goldenes Zeitalter. Jeder hat einen Freund oder einen Verwandten, der involviert war, jeder hat eine Geschichte -- und für die Wayuu ist das eine Geschichte, die sie mit der Welt teilen wollen. Sie waren an der ganzen Produktion beteiligt, schon beim Drehbuchschreiben. Die Crew bestand zu einem grossen Teil aus Wayuu, und viele Wayuu sind als Laiendarsteller aufgetreten.

Bietet eine authentische Sicht auf das Leben der Wayuu: «Birds of Passage». Video: YouTube/trigon-film

Stimmt es, dass einige der Laiendarsteller den Drogenhandel noch aus eigener Erfahrung kennen?
Ja, tatsächlich. Raphayets Cousin zum Beispiel, der im Film das Marihuana anbaut, wird von Juan Martínez gespielt, der als junger Mann selbst dabei war. Viele seiner Erfahrungen sind jetzt auf der Leinwand zu sehen, er war eine unserer wichtigsten Quellen.

Wieviel von Ihrem Film entspricht denn genau den Tatsachen? Wir haben uns entschieden, die Tatsachen zu fiktionalisieren, so dass es nicht die Geschichte eines konkreten Clans oder einer konkreten Familie ist. Wir nahmen verschiedene Elemente von verschiedenen Leuten und Ereignissen und bauten daraus unsere Figuren.

«Wir wollten einen Film in der Art eines gesungenen Mythos drehen.»Ciro Guerra, Regisseur

Überhaupt jongliert Ihr Film zwischen realistischem Drogenthriller und mythische Elementen. Wie sind Sie das angegangen?
Die Wayuu bewahren ihre Geschichte in Liedern, und wir fanden heraus, dass sie auch viele Ereignisse aus dem Marihuana-Boom in Liedern verarbeitet hatten. Darum haben wir einen Sänger, dessen Lied als Rahmen dient. Wir wollten einen Film in der Art eines gesungenen Mythos drehen, denn so würden die Wayuu die Geschichte bewahren.

Bei «Birds of Passage» teilten Sie sich den Regiestuhl mit Cristina Gallego. Sie war zuvor bei Ihren Filmen nur als Produzentin beteiligt. Was war dieses Mal anders?
Während der Recherche wurde uns bewusst, dass unsere Geschichte in einer matriarchalischen Gesellschaft spielt. Ansonsten ist das Genre des Drogenthrillers sehr machohaft, aber hier hatten wir viele starke Frauenfiguren. Also konnten wir eine weibliche Perspektive brauchen. So war es nur natürlich, dass Cristina Co-Regisseurin wurde.

«Es geht mehr um eine Familie als um einen einzelnen Protagonisten.» Ciro Guerra, Regisseur

Die zentrale Figur ist Raphayet. War es von Anfang an klar, dass er im Zentrum stehen würde, oder hat sich das erst mit der Zeit herausgeschält?
Wir haben ihn weniger als eine zentrale Figur gesehen und mehr als einen Faden, der durch die Geschichte führt. Der Fokus der Geschichte verschiebt sich, andere Figuren werden wichtiger, besonders die Frauen. Es geht mehr um eine Familie als um einen einzelnen Protagonisten.

Wie haben denn die Wayuu auf den Film reagiert?
Uns war es wichtig, dass sie ihn als erste sehen, also haben wir eine Vorführung bei ihnen in der Wüste organisiert. Wir hatten eine riesige Leinwand und 400 Sitze – am Ende kamen 2000 Leute. So mussten sie Stühle aus ihren Häusern und Geschäften holen. Sie waren beeindruckt davon, ihre Kultur auf der Leinwand zu sehen.

(Züritipp)

Erstellt: 27.10.2018, 10:16 Uhr

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Birds of Passage

Von Ciro Guerra und Cristina Gallego, Kol 2018, 125 Min.

Drogenbaron Pablo Escobar und der Kokainkrieg beherrschen das Bild von Kolumbien. «Birds of Passage» löst sich von den Klischees der zumeist US-amerikanischen Produktionen und zeigt die Anfänge des Drogenhandels: In den 70ern lebt das südamerikanische Volk der Wayuu noch in Frieden. Da wirbt Raphayet (José Acosta) um die Hand von Zaida (Natalia Reyes), doch deren Familie will von dem armen Schlucker nichts wissen. Um zu Reichtum zu kommen, steigt er ins Marihuana-Geschäft ein. Er hat Erfolg, doch der Drogenhandel führt in die Katastrophe. Die Figuren sind fiktiv, die Vorgänge haben aber so ähnlich stattgefunden. Besonders faszinierend ist der authentische Einblick in die Lebensweise der Wayuu. (ggs)

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