«Ich habe eine teuflische Gabe»

Heute tritt der «Trainspotting»-Autor Irvine Welsh in Zürich auf. Wir haben mit ihm über seine Lieblingsdroge, Trump und seinen Beinahe-Tod gesprochen.

«Wir Männer habens verkackt», sagt der Autor von «Trainspotting» Irvine Welsh.

«Wir Männer habens verkackt», sagt der Autor von «Trainspotting» Irvine Welsh. Bild: Thomas Duffé

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In Ihrem neuen Buch ist Francis Begbie, der aufbrausende Bösewicht aus «Trainspotting», die neue Hauptfigur. Warum haben Sie ihn als Helden ausgewählt?
Er war im Gefängnis. Er verdiente ein zweites Leben, eine zweite Chance.

Mögen Sie Begbie?
Er ist ein fucking Psychopath. Aber er hat ein gutes Gespür für Bullshit.

Welcher Teil von Begbie entspricht Ihnen?
Der Bullshit-Detektor.

Und welcher nicht?
Hoffentlich der psychopathische Teil.

Begbie kommt davon. Einmal mehr. Nie Lust verspürt, den Typen zu killen?
Nein. Bad guys never die.

Schreiben ist wie Boxen: ständig in Bewegung, eine Schwäche beim Gegner finden, dann zuschlagen. Irvine Welsh

Auf welchen dramaturgischen Twist sind Sie in Ihrem neuen Buch «Kurze Abstecher» besonders stolz?
Ich bin nicht der twisty Schriftsteller. Aber die Idee, dass Begbie aus dem Knast kommt und ein erfolgreicher Künstler in Amerika und ­liebevoller Familienvater wird, ist schon nicht schlecht.

Liebe und Kunst als letztmögliche Heilung für eine verlorene Seele.
Treffer.

Ihr schwierigster Moment beim Schreibprozess?
Machen Sie Witze? Jede Seite ­kreiert neue Probleme.

Schreibstau?
Nie.
Wie viele Seiten pro Tagen schaffen Sie denn?
Etwa zehn. Ich kann immer schreiben. Ist wie Boxen: ständig in Bewegung, eine Schwäche beim Gegner finden, dann zuschlagen.

Das Ende ist äusserst brutal. War das von Anfang an so geplant?
Wenn Begbie im Spiel ist, muss man doch davon ausgehen. Geht gar nicht anders.

Sie sollen mal in einer Bar jemanden mit dem Billardqueue verprügelt haben. Wahr?
Ja.

Waren Sie ein Schläger?
Nein. Vor allem auch, weil ich eigentlich die allermeisten meiner Fights verloren habe.

These: Frauen mögen Ihre Bücher weniger als Männer.
Widerspruch. Ich mache die Erfahrung, dass Frauen sie lieben. Jede kennt einen solchen ­Psychopathen wie Begbie. Oder einen herzensguten Schwächling wie Daniel Murphy. Mit der Distanz eines Buches können Leserinnen Männergeschichten irgendwie besser verarbeiten.

Und die beschriebene Gewalt? Ist doch eher ein Männerding in der Literatur.
Ach was! Frauen werden mit dem Alter stärker, Männer schwächer. Sorry, guys. Ist einfach so. Frauen sind smarter, lesen viel genauer, ordnen besser ein.

Schlummert da ein kleiner Feminist in Ihnen?
Mir egal, was Sie da quatschen. Wir Männer habens verkackt. Jetzt sollten wir einfach zur ­Seite treten und die Frauen machen lassen.

Diesen britischen Scheiss-Junkfood habe ich hinter mir.Irvine Welsh

Behauptung: In Ihrem Buch gehts eigentlich nur um eines: Erlösung. Einverstanden?
Ja.

Wie stehts bei Ihnen?
Keine Erlösung in Sicht.

Auch mit 59 Jahren Ihr Seelenheil noch nicht gefunden?
Es gibt keine Heilung, Baby. Seele ist ­einfach.

Ihr Lebensmotto?
Enjoy the moment!

Gelingt Ihnen das immer?
Ich habe eine teuflische Gabe: Ich schaue nie zurück, reflektiere mich und mein Handeln kaum.

Psychotherapie ist also nix für Sie.
Habe ich mal gemacht. Aber was bringts? Man spielt nur das Narrativ der Vergangenheit in einem ewigen Replay.

Zurückblicken würde vielleicht helfen, im Leben nicht immer die gleichen Fehler zu machen.
Nö. Ich glaube eher, eine solche Therapie ­bedient die jeweilige Obsession der Leute.

Anders gefragt. Was machen Sie heute besser als früher?
Ich esse viel ausgewogener. Low Carb und all das. Diesen britischen Scheiss-Junkfood habe ich hinter mir.

Was machen Sie heute schlechter?
Mich mit meinen Freunden verabreden. ­Früher habe ich jeden Tag mit ihnen telefoniert.

Nüchtern oder angetrunken. In welchem Zustand lässt es sich am besten schreiben?
Früher: besoffen. Heute: nüchtern.

Der Erfolg von «Trainspotting» hat viel zu tun mit dem gleichzeitigen Aufstieg von Techno. Korrekt?
Ja.

Ihr Lieblingssong aus dem legendären Filmsoundtrack?
Underworlds «Born Slippy». Übrigens: Die arbeiten gerade mit Iggy Pop an etwas. Freut mich natürlich, er ist ja auch auf dem Sampler drauf.

Ihre Lieblingsdroge?
DMT. Und Ecstasy.

Was ist mit Heroin?
Goodness! Ich vermisse es!

Sie waren mal abhängig. Hörten auf mit einem kalten Entzug. Wie fühlte sich das an?
Living hell.

Ihr Tipp, um nach einem Drogentrip runterzukommen.
Geh in den Park und danach in den Pub.

Ihr Ratschlag, um auch in hohem Alter eine lange Partynacht durchzustehen.
Halte dich mit Saufen zurück. Und geh erst richtig spät auf den Dancefloor. Dann Vollgas für eine Stunde. Alle werden denken, dass es der alte Knacker noch bringt.

Sie sind mal bei einer Technoparty in einem verlassenen Fabrikgebäude fast ums Leben gekommen. Richtig?
Ja. Es gab da diesen Treppenschacht ohne Treppe, rundherum nur mit einer Plastikplane gesichert. Ich lehnte mich da dran. Ein Freund zog mich im letzten Moment zurück.

Elektroschocks haben in meinem Hirn etwas verändert.Irivne Welsh

Sie waren in Ihren jungen Jahren DJ. Jetzt haben Sie wieder angefangen aufzulegen. Warum?
Weils Spass macht. Nächste Woche spiele ich in Mexiko.

Könnte Ihre Scheidung von Ihrer Frau nach ­13 Jahren damit zu tun haben?
(überlegt lange, dann lacht er laut heraus)
Sie kleiner verfluchter Teufel!

Sie hatten vor Ihrem Erfolg als Schriftsteller viele verschiedene Jobs. Was haben Sie fürs Leben mitgenommen von der Arbeit als . . ..
. . . TV-Mechaniker?
Viele, viele Elektroschocks. Irgendwie haben die in meinem Hirn etwas verändert. Danach ­begann mein Rock-’n’-Roll-Leben.

. . . Tellerwäscher?
Scheisse heiss ists da hinten. Und ich habe gesehen, dass die allermeisten Menschen ihren Job hassen. Das ist die Realität.

. . . Chef von sechs Leuten bei einer staatlichen Weiterbildungseinrichtung? Alle haben ständig Wehwehchen. Kümmerte mich einen Scheissdreck. Aber es ist auch wichtig, kein Arschloch zu sein.

. . . Immobilienhändler?
Dass das unfassbar langweilig ist: dem Geld hinterherzurennen. Habe ich nie wieder gemacht.

Warum sind Sie ein erfolgreicher Schriftsteller?
Weil ich viele Niederlagen erlebt habe.

Das alte Lied: Ein Künstler muss leiden.
Was wollen Sie hören, Mann?! In unserer Gesellschaft wollen alle ohne Umschweife erfolgreich und berühmt sein. Niemand darf mal verlieren, auf die Fresse fallen. Das ist nicht das Leben.

Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt? Er war Hafenarbeiter.
Geniesse die gute Zeit. Denn sie geht vorbei. Nimm die schlechte Zeit nicht zu schwer. Denn sie geht vorbei.

Von Ihrer Mutter? Sie arbeitete im Service.
Na ja, sie war immer sehr pessimistisch. Aber sie war irgendwie auch eine Art Punkrockerin.

Ohne seinen Reichtum wäre er ein Supermarketmanager, der wegen sexueller Übergriffe im Knast sässe.Irvine Welsh

Ein paar Stichworte noch: Fussball . . .
Jeden Tag. Ich weiss alles über meinen Club in Edinburgh, Hibernian FC. In England mag ich Westham. Und Ajax in Holland.

Sie leben in Miami. US Soccer?
Wollen Sie mich verarschen?

Das Gute an Margaret Thatcher?
Dass sie tot ist.

Das Gute an Donald Trump?
Fällt mir nix ein. Er ist die Verkörperung von allem Schlechten. Ohne seinen Reichtum wäre er ein Supermarketmanager, der wegen sexueller Übergriffe im Knast sässe.

Das Gute am Brexit?
Dass die Leute heute zumindest darüber ­diskutieren, was sie für eine Regierung wollen.

Kommt alles gut?
Ja.

Fr 6.7. — 19.30 Uhr
Alter Botanischer Garten
Eintritt 40 Franken
www.literaturopenair.ch

Im Rahmen des Open-Air-Literaturfestivals vom
Mo 2.7. bis So 8.7.
Weitere Lesungen in dieser Woche:
John Banville, Mo 2.7.; Sofi Oksanen, Di 3.7.; Rebecca Solnit, Mi 4.7.

(Züritipp)

Erstellt: 28.06.2018, 18:14 Uhr

Irvine Welsh

1957 in Edinburgh geboren, landete er mit «Trainspotting» einen Bestseller. Das Buch wurde mit Ewan McGregor in der Hauptrolle verfilmt, der Soundtrack dazu schrieb Musik­geschichte. Welshs neustes Buch heisst «Kurzer Abstecher» (Heyne). Der Schotte lebt heute in Miami.

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