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Was Frauen in ihrem intimsten Bereich wirklich erleben

Die Zürcherin Barbara Miller untersucht in einer neuen Doku weibliche Lust – und die gesellschaftlichen Zwänge, die sie verhindern.

Barbara Miller (l.) mit vier ihrer fünf Protagonistinnen.
Barbara Miller (l.) mit vier ihrer fünf Protagonistinnen.

Barbara Miller, Ihr Film ist ein Plädoyer für sexuelle Selbstbestimmung; ein Thema, das in Ländern wie Indien oder Japan für Frauen nicht existiert. Gab es schon Reaktionen von dort?

Der Film läuft gerade im deutschsprachigen Raum in den Kinos an. Deshalb ist es zu früh, um die Reaktionen aus den Heimatländern der Protagonistinnen abschätzen zu können. Wir wollen «#Female Pleasure» unbedingt weltweit zeigen, um wirklich etwas zu bewegen. Ich glaube, dass der Film aber auch bei uns, wo es in Sachen weiblicher Sexualität liberaler zu und her geht, wichtige Diskussionen auslösen wird. Ich war gerade in Berlin an einer Podiumsdiskussion mit Doris Wagner, einer ehemaligen Nonne, die ich im Film begleite. Mit dabei waren auch die Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler sowie die Sexologin Ann-Marlene Henning. Viele Teilnehmerinnen haben erzählt, wie verknorzt es war, als Mädchen aufzuwachsen: Man hat ein Geschlecht, bekommt aber eingetrichtert, dass man sich «da unten» nicht berühren darf, oder man hört, dass Mädchen stinken. Bei kleinen Buben dagegen gehört das Herumspielen mit dem Geschlecht dazu. Auch die Selbstbefriedigung wird bei Buben und Männern viel weniger tabuisiert.

Man hätte über jede der fünf Frauen einen eigenen, spannenden Kinofilm machen können.

Barbara Miller

Anhand von fünf Protagonistinnen, die auf unterschiedliche Arten daran gehindert wurden, ihre Sexualität auszuleben, machen Sie sich stark für die weibliche Lust. Nach welchen Kriterien haben Sie die Frauen ausgewählt?

Ich habe nach mutigen Frauen gesucht, die aus den fünf Weltreligionen oder Weltkulturen stammen. Die Grenzen zwischen Religion, Kultur und Gesellschaft sind ja oft fliessend. Ich wollte Frauen, die es wagen, das Tabu des Schweigens, das in vielen Ländern auch heute noch über das Frausein, den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität gelegt wird, zu brechen. Wichtig war es mir auch, Frauen vorzustellen, die in Weltmetropolen leben. Denn auch an «aufgeklärten» Orten läuft Vieles immer noch falsch.

Zum Beispiel?

Leyla Hussein etwa, die als Aktivistin und Therapeutin gegen weibliche Genitalverstümmelung kämpft, lebt in London und wurde selbst beschnitten – wie 97 Prozent aller somalischer Frauen in London. Deborah Feldman, die aus einer ultraorthodoxen Gemeinde ausgestiegen ist und darüber ein Buch geschrieben hat, lebte mitten in New York.

Feldman wurde während der Dreharbeiten zum Star – ihr Buch zum Weltbestseller. Hat sie sich dadurch verändert?

Deborah blieb immer entspannt und zugänglich. Als ich sie kennenlernte, wohnte sie mit ihrem Sohn sehr abgelegen in Upstate New York, zum Schutz vor ihrer Familie und Gemeinschaft, die ihr den Tod wünschten. Sie hatte damals gerade den Ausstieg hinter sich und ihr Buch war auf der Bestsellerliste der «New York Times». Als sie sich dann entschloss, nach Berlin auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen, bot sie uns sogar an, den ganzen Umzug zu filmen. Die Szene hat es dann leider nicht in den Film geschafft, wie viele andere auch. Denn ich hätte über jede der fünf Frauen einen eigenen, spannenden Kinofilm machen können. Mir war aber wichtig, dass durch das Zusammenführen dieser Frauen aus der ganzen Welt die globalen Zusammenhänge und Parallelen erlebbar und sichtbar werden. Denn wir Frauen kämpfen auf der ganzen Welt gegen die gleichen moralischen Dogmen und entwertenden Frauenbilder.

Welche der Protagonistinnen ist Ihnen besonders geblieben?

Leyla Husseins Thema, die weibliche Genitalverstümmelung, hat mich sehr beschäftigt. Hussein hat im Film erstmals in einem grösseren Rahmen darüber gesprochen, dass und wie diese die weibliche Lust verunmöglicht. Tragischerweise sind es ja oft die Mütter, die ihre eigenen Töchter beschneiden lassen, weil es die Tradition verlangt und sie nicht wissen, was sie damit bewirken. Denn über sexuelle Belange darf auch unter Frauen in vielen Kulturen nicht gesprochen werden. Eine Generation nach der nächsten hat so dieselben Schmerzen beim Sex, beim Menstruieren und beim Gebären, ohne den Irrsinn der Genitalverstümmelung zu hinterfragen und die Zusammenhänge zu verstehen. Es ist wichtig, dass der Film bei diesem Thema Aufklärungsarbeit leisten kann. 200 Millionen Mädchen und Frauen sind betroffen. Alle 11 Sekunden wird ein Mädchen ihrer Möglichkeit beraubt, jemals einen Orgasmus erleben zu können. Das ist Wahnsinn!

Ich kann hoffentlich etwas zu einem selbstbestimmteren und lustvolleren Erleben der weiblichen Sexualität beitragen.

Barbara Miller

Warum interessieren Sie sich für die weibliche Lust?

Bei meinen Dreharbeiten auf der ganzen Welt habe ich mich immer wieder gefragt, wie es um die weibliche Sexualität in den verschiedenen Ländern steht. Ich wollte genauer wissen, wie es den Frauen im Umgang mit ihrem Körper geht und was Frauen in ihrem intimsten Bereich wirklich erleben. Ich dachte mir: Wenn ich das herausfinde, lerne ich viel über eine Gesellschaft und das Menschsein. Und kann hoffentlich etwas zu einem selbstbestimmteren und lustvolleren Erleben der weiblichen Sexualität beitragen.

Begleiten Sie die Sexualität schon länger als filmisches Thema?

Ja, ich habe auch schon einen Film über die Klitoris, «Die schöne Unbekannte», realisiert und mich in einem anderen mit der omnipräsenten Internet-Pornografie und ihrer Wirkung auf Jugendliche beschäftigt, «Sex im Internet». «#Female Pleasure» könnte deshalb als Fortsetzung verstanden werden.

Die Protagonistinnen gehören alle einer anderen Weltreligion an. Inwieweit sind die Religionen schuld daran, dass die Misogynie religiös statuiert ist?

Sicher ist, dass die Dämonisierung des weiblichen Körpers in den Religionen tief verankert ist. In unserer Kultur sind die beiden prägendsten Frauenfiguren Eva, die Sünderin, die als sexuell aktive Frau mit ihren Verführungskünsten angeblich die Menschheit ins Verderben gestürzt hat. Und Maria, die Heilige und Jungfrau, mit einer unbefleckten Empfängnis, also eine absolut hingebungsvolle und asexuelle Mutter. Als Pamphlet gegen die Religionen verstehe ich meinen Film aber nicht; auch kulturelle Hintergründe haben Einfluss darauf, wie sich ein Land mit weiblicher Sexualität auseinandersetzt.

Japan ist ein gutes Beispiel. Die Künstlerin Rokudenashiko, die Sie im Film porträtieren, macht 3D-Abdrucke ihrer Vulva und wurde dafür verurteilt, während es in ihrem Land Feste zu Ehren des Penis gibt und man die übelsten Pornos findet, die man sich vorstellen kann.

Dieser Widerspruch hat mich sehr aufgewühlt; denn was Rokudenashiko macht -- Vulva-Abdrücke und Vagina-Figürchen -- ist sehr lustig, sehr niedlich, ja harmlos, aber sie kann im schlimmsten Fall dafür ins Gefängnis kommen. Noch ist ihr Gerichtsprozess nicht abgeschlossen. Auch Indien hat ein grosses Potential für Widersprüche. Wie kann man nur Sexualität in ihren wunderschönsten Details und Ausführungen im Kamasutra definieren, während es in der Schule keine Aufklärung gibt und Sex ein Tabu ist? Dafür kämpft im Film Vithika Vadav, die die Aufklärungsplattform Love Matters gegründet hat.

Leyla Hussein kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung.
Leyla Hussein kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Was haben Sie für einen Zugang zur Sexualität?

Ich hatte grosses Glück; meine Eltern sind beide Krankenpfleger und waren sehr offen, was dieses Thema angeht. Wir sprachen auch offen über Selbstbefriedigung. Meine Mutter hat mir früh beigebracht, dass ich beim Sex unbedingt sagen soll, was mir gefällt und was nicht. Ich war der Überzeugung, dass ich als Frau auch nackt durch die Strassen laufen kann, und dass trotzdem nieman das Recht hat, mich gegen meinen Willen anzufassen. Junge Frauen haben es da heute schwerer, denke ich.

Warum?

Der Einfluss der Internet-Pornografie auf die Mädchen ist nicht zu unterschätzen. Es reicht ja schon, einen Mainstream-Porno zu sehen, um ihnen zu vermitteln, sie müssten unbedingt Analsex haben oder ihren Freund oral befriedigen. Der Druck ist enorm. Eine Frau wird als willenloses Sexobjekt dargestellt. Die Klitoris, Zärtlichkeit oder der weibliche Orgasmus sind kein Thema. Für Mädchen ist es heute sicher schwieriger zu wissen und zu artikulieren, was sie wirklich möchten und eine selbstbestimmte, lustvolle Sexualität einzufordern und zu leben. Deshalb ist es toll, durch diese fünf jungen Frauen in «#Female Pleasure» zu erleben, dass man sich von den Zwängen -- seien es religiöse gesellschaftlich oder durch soziale Medien vermittelte -- befreien kann.

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