«Ich suchte einen Dinosaurier»

«On Body and Soul» hat den Goldenen Bären gewonnen und geht für Ungarn ins Oscar-Rennen. Regisseurin Ildikó Enyedi sprach mit uns über Darstellersuche und Schlachthäuser.

«Ohne Humor wäre dieser Film furchtbar kitschig, selbstgefällig und prätentiös»: Ildikó Enyedi.

«Ohne Humor wäre dieser Film furchtbar kitschig, selbstgefällig und prätentiös»: Ildikó Enyedi. Bild: Keystone

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Sie erzählen von einer Frau und einem Mann, die beide denselben Traum haben – von einem Hirsch und seiner Hirschkuh. Wie haben Sie die Naturaufnahmen hinbekommen?
Wir hatten einen wunderbaren Tiertrainer, Zoltan Horkai, der auch für grosse Blockbuster arbeitet. Er besitzt ein eigenes Waldstück mit über 80 Hirschen. Während wir mit den Tieren gedreht haben, es waren sechs Tage, mussten wir uns ganz ihrem Rhythmus anpassen. Das Weibchen ist schon in mehreren Filmen aufgetreten, das Männchen aber noch nie. Zoltan musste es mehrere Monate lang vorbereiten.

Dann ist es ja ganz ähnlich wie mit den menschlichen Hauptdarstellern.
Genau. Sie ist ein Profi, er ein Amateur.

So hat nun Géza Morcsányi sein Schauspieldebüt mit über sechzig. Wie kamen Sie zu ihm?
Unter den Schauspielern in dem Alter fand ich nicht das, was ich wollte, ich musste also woanders suchen. Ich wollte eine grosse Persönlichkeit, einen jener starken, aber stillen Männer wie im klassischen Hollywood. Leider sind das rare Dinosaurier. Géza kannte ich von früher als Verleger und Dramaturg. Als er mir in den Sinn kam, wusste ich sofort: Er ist der Richtige; ich habe mit niemandem sonst ein Casting gemacht.

Bei der weiblichen Hauptrolle dauerte die Suche viel länger. Wieso haben Sie sich am Ende für Alexandra Borbély entschieden?
Alexandra war die unwahrscheinlichste Wahl, denn sie ist eigentlich das genaue Gegenteil von Mária. Aber sie war die Einzige, die etwas spielen konnte, was für die Figur sehr zentral ist: zugleich absolut verletzlich und sehr stark zu sein.

Wie war der Dreh im Schlachthaus?
Es war wie an einem heiligen Ort. Man fühlt Demut und Respekt. Auch die Arbeiter gehen mit den Tieren sehr respektvoll um. Man ist den grossen Fragen des Lebens nahe.

Dennoch ist der Film auch sehr witzig.
Ohne Humor wäre dieser Film furchtbar kitschig, selbstgefällig und prätentiös. Es ist wichtig, da die Balance zu finden.

Ihr letzter Film, «Simon mágus», kam 1999 heraus. Weshalb die lange Pause?
Ich arbeitete an mehreren Projekten, aber es hat einfach nie geklappt. Ich bin fast daran verzweifelt, habe mich mit den falschen Leuten eingelassen, wurde depressiv. Aber dann habe ich gute Erfahrungen mit HBO Europe gemacht. Wir haben eben die dritte Staffel von «Terápia» abgeschlossen; die Serie handelt von einem Psychologen, der selbst mit Problemen ringt. Es war ein Heilungsprozess.

Und dann kam «On Body and Soul».
Das Drehbuch habe ich schon vor zehn Jahren geschrieben, wie im Rausch. Sonst überarbeite ich immer stark, aber als ich das Skript wieder aufgriff, habe ich kaum etwas geändert.

Jetzt haben Sie den Goldenen Bären gewonnen, und der Film ist Ungarns offizieller Oscar-Kandidat. Was hat sich damit für Sie geändert?
Ich habe schon viele Hochs und Tiefs erlebt, ich lasse mich vom Erfolg nicht blenden. Aber ich erlaube mir, glücklich darüber zu sein.

On Body and Soul


Von Ildikó Enyedi, Un 2017, 116 Min.
Ausgerechnet dort, wo Kühe geschlachtet werden, entwickelt sich eine zarte Liebschaft: Endre (Géza Morcsányi), fast schon pensioniert, ein Arm gelähmt, arbeitet als Finanzdirektor einer Grossmetzgerei. Da fängt im Betrieb eine neue Qualitätskontrolleurin (Alexandra Borbély) an. Sie ist wunderschön, aber viel jünger und anscheinend autistisch veranlagt. Die zwei haben kaum was gemeinsam – ausser, dass sie jede Nacht denselben Traum träumen. Ein tief berührender Liebesfilm mit wunderschönen Bildern ist das, aber nichts für Zartbesaitete: Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi («Mein 20. Jahrhundert») zeigt schon mal, wie ein Arbeiter einer Kuh den Kopf absägt. Dafür gabs letzten Februar in Berlin den Goldenen Bären. (ggs)

Arthouse Picadilly/Riffraff

(Zueritipp)

Erstellt: 08.12.2017, 08:49 Uhr

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