«Ich weiss genau, was ich nicht will»

Die französische Kinolegende Catherine Deneuve über den Unfalltod ihrer Schwester, nostalgische Gefühle und Lastwagenfahren im neuen Film «Sage femme».

Catherine Deneuve und Catherine Frot in «Sage femmes».

Catherine Deneuve und Catherine Frot in «Sage femmes».

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In Ihrem neuen Film «Sage femme» sitzen Sie am Steuer eines riesigen Lastwagens. Haben Sie das schon einmal gemacht in Ihrer langen Karriere?
Nein, nie. In zwei Filmen bin ich zugestiegen. Und beide Male geschah das, was in der ­Klischeevorstellung geschieht, wenn ein Mädchen in eine Camionkabine steigt. Darum bin ich froh, dieses Ding jetzt selber steuern zu dürfen.

Sie sind wirklich selber gefahren?
Natürlich. Am meisten überrascht hat mich dabei nicht die Grösse, sondern die Höhe des Fahrzeugs: Ich dachte, ich sitze zehn Meter über der Strasse, unter mir nichts als Räder.

Sie spielen in diesem Film einen Freigeist. Sind Sie das selber auch?
Ein klein wenig. Aber niemals so wie diese Frau, die nächtelang Männer beim Pokern ausnimmt. Ich mag sie.

Können Sie sich als Schauspielerin so viele Freiheiten herausnehmen wie Ihre Figur?
Nun gut, weil ich einen gewissen Status habe, kann ich mir einiges erlauben. Ich hoffe, ich nutze das nicht aus. Die grösste Freiheit für mich ist jedoch, dass ich weiss, was ich will. Und noch wichtiger: Ich weiss auch genau, was ich nicht will.

Der spanische Regisseur Luis Buñuel sagte, Sie seien schön wie der Tod, verführerisch wie die Sucht und kühl wie die Sünde ...
... uff, das war vor langer, langer Zeit.

Was bedeutet es Ihnen heute?
Es war ein Spruch. Schöne Worte. Ich kann sie nicht kommentieren.

Hat sich die Schauspielerei verändert, seit den 1960er-Jahren?
Gewaltig. Vor allem technisch.

Inwiefern?
Die Kameras sind kleiner geworden, lichtstärker. In der Regel sind sie näher an unseren Gesichtern, sie rücken uns im wahrsten Sinn des Wortes auf den Leib. Daran muss man sich gewöhnen. Ich weiss noch, als ich begann, fand ich es äusserst schwierig, die Kamera und die Techniker um mich herum zu vergessen, wie es die Regisseure immer verlangten. Heute ist das einfacher, manchmal merke ich tatsächlich nicht, wo die winzige Kamera ist. Es hat den Vorteil, dass man billige Filme machen kann. Aber den Nachteil, dass das Bild eben manchmal auch billig aussieht.

Sie finden sich weniger schön so?
Es geht nicht um Schönheit. Aber ich bin kein Fan dieser überscharfen, digitalen Bilder. Sie können mich altmodisch nennen, aber ich bevorzuge das ursprüngliche Technicolor-Gefühl.

Trauern Sie den alten Kinozeiten nach?
Nicht wirklich. Manchmal bleibe ich am Fernsehen zehn Minuten hängen, bei einem eigenen Film. Dann kommen sicher nostalgische Gefühle auf. Aber nicht wegen mir, sondern, weil es mich an einen bestimmten Abschnitt meines Lebens erinnert. Das geschieht, wenn ich zum Beispiel meine Schwester Françoise in «Les Demoiselles de Rochefort» sehe. Wir waren uns sehr nahe damals, also sind damit schöne Erinnerungen verbunden. Aber auch Trauer, weil sie kurz darauf bei einem Unfall ums Leben kam.

Gibt es auch Filme, die Sie am liebsten vergessen würden?
Bestimmt. Aber fragen Sie bitte nicht welche, ich habe sie bereits vergessen.

Sie haben mit Hollywoodstars wie Ava Gardner und Jack Lemmon gearbeitet und mit vielen französischen Stars. Sind sie Freunde geblieben?
Selten. Ich habe Freunde beim Film, aber es sind nicht meine besten. Und wenn schon, bin ich eher mit Technikern befreundet. Schauspieler kommen und gehen von Projekt zu Projekt, wir sind als Freunde nicht sehr verlässlich. Techniker dagegen begleiten dich von Projekt zu Projekt.

Sie verkörpern einen Kinomythos. Ist es eigentlich schwierig, mit Catherine Deneuve zu leben?
Mit Catherine Deneuve leben? Aber das tue ich doch täglich! Und privat stehe ich bestimmt nicht auf und schminke mich zwei Stunden lang, um auf der Strasse oder beim Einkaufen Catherine Deneuve zu spielen. Wenn ich auf den Markt gehe, ist mein Leben stinknormal.

Starschauspielerinnen verdienen oft weniger als ihre männlichen Kollegen. Was halten Sie davon?
Das Kino spiegelt das Leben, nicht wahr? Bei uns ist es nicht anders, als in all diesen Berufen, in denen Frauen schlechter bezahlt werden: Es ist und bleibt unfair, weniger zu verdienen als Frau, ob du nun am Fliessband stehst oder vor einer Kamera.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, eines Tages aufzuhören als Schauspielerin?
Es gibt ja Kollegen, die behaupten, sie könnten in Pension gehen. Aber ich denke, das ist schwierig in unserem Beruf. Viele, die gross den Rücktritt verkünden, treten dann vom Rücktritt wieder zurück. Sagen wir es darum so: Wenn ich eines Tages keine interessanten Drehbücher mehr finde, spiele ich einfach nicht mehr. Das tönt besser als Rücktritt.

In «Sage femme» wird Ihre Figur mit dem Tod konfrontiert. Ist es möglich, so etwas nach den Dreharbeiten am Abend einfach abzustreifen?
Ohne Probleme, ja. Klar, manchmal dauert es etwas länger, es kommt auf die Laune an. Aber dem Tod in Filmprojekten bin ich schon in jüngsten ­Jahren begegnet. Wollte ich das immer mitnehmen, wäre ich schon tausendmal gestorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2017, 16:38 Uhr

Sister Act

Der Name Catherine Deneuve steht für französisches Kino par excellence, aber zur Schauspielerei kam sie durch ihre ältere Schwester Françoise Dorléac. Diese überredete die 13-jährige Catherine, in «Les collégiennes» (1957) mitzutun. Zu Beginn der 1960er-Jahre wurden beide zu Stars in Frankreich und damit auch zu Konkurrentinnen. Um Verwechslungen vorzubeugen, verwandelte sich die brünette Catherine in eine Blondine und nahm den Mädchen­namen der Mutter an: Deneuve.

Das Filmpodium zeigt nun in der Filmreihe «Catherine Deneuve & Françoise Dorléac» einige ihrer schönsten Filme aus dieser Zeit: Die Schwestern arbeiteten einzeln mit bekannten Regisseuren wie Truffaut und Polanski. 1967 aber traten sie gemeinsam auf, als Zwillingsschwestern im Musical «Les Demoiselles de Rochefort». Kurz nach diesen Dreharbeiten kam Françoise bei einem Autounfall in der Nähe von Nizza ums Leben. Catherine, inzwischen 73 Jahre alt, dreht immer noch Film um Film – ihr neuster, «Sage femme», startet am 8. Juni.

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