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«Ich wollte zeigen, wie sich Liebe in Wahn verwandelt»

Thomas Imbach hat einen Spielfilm über Geschwisterliebe gedreht. Die Hauptrolle spielt eine Schülerin aus Zürich.

Zsofia Körös, 1999 geboren, spielt die junge Lena sehr beeindruckend. Ist sie ein Naturtalent?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben ein langes Casting durchgeführt, weil meine grösste Herausforderung war: Finde ich jemanden, der das kann? Eine Jugendliche, die Schweizerdeutsch spricht und so eine Rolle spielen kann?

Und wie haben Sie Zsofia Körös gefunden?

Ich sass in viele Klassenzimmer hinein und habe Zsofia an der Kanti Zürich-Nord entdeckt. Während eines Jahres haben wir geprobt und die beiden Jungs gecastet. Vor dem Dreh hatte sie auch einen Schauspiel-Coach, um emotional noch mehr aus sich herauszukommen. Auf dem Dreh habe ich dann gesehen, wie unaufgeregt und effektiv Zsofia meine Regieanweisungen umsetzt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Abstriche machen muss, weil sie eine Newcomerin ist. Im Gegenteil, die Zusammenarbeit war ein Glücksfall.

Zsofia Körös verkörpert die 16-jährige Lena, die in Zürich lebt und in ihren älteren Bruder Noah verliebt ist. Wieso heisst der Film «Glaubenberg»?

Mit diesem Wort hat das Projekt überhaupt erst angefangen. Plötzlich kam mir die Erinnerung, wie wir als Bruder und Schwester meinen Vater auf dem Glaubenberg in der Innerschweiz besucht haben, wo er den WK absolvierte. Ich weiss noch, wie ich am Kiosk um Militärbiskuits gebettelt habe. Der Name Glaubenberg enthält für mich den bedingungslosen Wunsch von Lena und gleichzeitig seine unmögliche Erfüllung.

«Im Moment, in dem die Sexualität erwacht, entwickelt man eine ungeheure Kraft.»

Thomas Imbach

Das Drama spielt zur Zeit der Jugend, das grosse Thema des Coming-of-Age-Films. Sehen Sie «Glaubenberg» in dieser Tradition?

Jein. Für mich ist die Adoleszenz der Moment, in dem die Leidenschaft von Lena zum ersten Mal ausbricht. Im Moment, in dem die Sexualität erwacht, entwickelt man eine ungeheure Kraft, um in eine Sache alles, auch alle Gefühle, zu investieren.

«Beruht auf wahren Figuren» steht am Anfang von «Glaubenberg». Was heisst das?

In dem Film steckt ein Kern meiner eigenen Bruder-Schwester-Geschichte. Ich erzähle sie neu. Was wahr daran ist? Das Innenleben von Lena. Die Entwicklung von einer echten Liebe zu etwas Wahnsinnigem. Und wie der Bruder zu spät realisiert, dass es um Leben und Tod geht.

Es gibt im Schweizer Film ja einen Klassiker, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man von Inzest und Bergen erzählt: «Höhenfeuer» von Fredi Murer.

Natürlich, aber bei mir ist das sexuelle Verlangen nur die Spitze des Eisbergs. Meine Erinnerung – und der Grund, warum ich den Film gemacht habe: Ich wollte nachvollziehbar machen, wie sich diese Liebe zu einem Wahn entwickelte. Wie eine Naturkraft.

Woher wissen Sie, was der Stoff ist, aus dem ein Film werden soll?

Bei mir ist es immer ein intuitiver Prozess. Ich stelle fest, dass ich von einer Figur infiziert bin, und beginne dann in alle möglichen Richtungen zu recherchieren. Bis ich wieder zum Kern zurückfinde, der alles bestimmt. Sicher haben die Leute nicht recht, die sagen, einen Film kann man so oder so schneiden, Schauspieler kann man so oder so führen. Für mich gibt es nur immer eine Art. Die Form ergibt sich aus dem Stoff.

Braucht man eine jugendliche Energie, um Filme zu drehen?

Ja, sicher! Ich merke jedenfalls, dass jeder Film, den ich drehe, schwieriger wird. Die persönlichen Ansprüche steigen, der jugendliche Übermut wird immer mehr von der Bürokratie in der Produktion gezügelt. Und die Situation bei der Auswertung spitzt sich zu. Insofern braucht es neben der Energie auch einen Schuss Weisheit.

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