Ihr da oben, wir da unten

Zwei Kinder einer Arbeitslosenfamilie schleichen sich bei Reichen ein: «Parasite» gewann eine Goldene Palme.

Vom Klo aus können sie sich beim WLAN-Zugang der Nachbarin bedienen: die beiden koreanischen Kinder in «Parasite».

Vom Klo aus können sie sich beim WLAN-Zugang der Nachbarin bedienen: die beiden koreanischen Kinder in «Parasite».

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«Reiche sind naiv und haben keine Sorgen», sagt Chung-Sook, die einst als Hammer­werferin eine Medaille gewonnen hat, aber jetzt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem Kellerloch dahinvegetiert. Arbeit haben alle vier nicht, und Zugang zum WLAN einer Nachbarin haben sie nur, wenn sie auf dem Klo sind. Da kommt ein Freund des Sohns vorbei und vermittelt diesem einen Job als Englischlehrer der Tochter einer sehr reichen Familie.

Der kleinere Bruder des Mädchens hat einen Indianertick, und seine Mutter hält ihn für künstlerisch begabt. Also erzählt der frisch gebackene Englischlehrer, er habe von einer hervorragenden Kunsterzieherin gehört. Dass es sich dabei um seine Schwester handelt, verschweigt er der reichen Frau.

Überraschender Film – wirklich?

Der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho, dessen «Snowpiercer» (2013) und «The Host» (2006) auch bei uns mit Erfolg liefen, beschwört im Presseheft die Kritiker, doch bitte nichts weiter als das oben Stehende über ­«Parasite» zu verraten, da sein Film so überraschend sei.

Das ist er nicht. Es ist vielmehr einer jener Filme, in denen sich jemand unter einem Bett ­versteckt, und prompt kommt dann ein Paar und hat Sex auf genau diesem Bett. Wobei es im vorliegenden Fall nicht um Penetrationssex geht, ­sondern um Masturbation unter Anleitung: «Im Uhrzeigersinn, bitte!» Tja, so geht es bei den Reichen offenbar zu.

Der neue Film von Bong Joon-ho («Snowpiercer») gewann in Cannes die Goldene Palme: «Parasite». Video: YouTube/Filmcoopi Zürich

Und wer hätte das gedacht: Während die Armen unten in einem Kellerloch wohnen, das von ­Betrunkenen als Pissoir benutzt wird, leben die Reichen oben in einem riesigen Haus mit einem noch grösseren Garten. Und da Reiche ja naiv sind, merken sie nicht, dass das, was die angebliche Kunsterzieherin über Kunst erzählt, reiner Blödsinn ist. Da lacht das Publikum im Kino, weil es insgeheim ja immer schon gewusst hat, dass die sogenannten Kunstexperten nur Schwachsinn von sich geben.

«Ich wollte die Oberschicht nicht so klischiert darstellen, wie das im koreanischen Fernsehen geschieht», schreibt Bong. «Ich versuche immer, die Erwartungen der Zuschauer über den Haufen zu werfen.» Was das wohl für Zuschauer sein mögen? Der Schreibende gehört definitiv nicht dazu. Aber offenbar die Jury des Filmfestivals von Cannes: Sie hat «Parasite» mit der Goldenen Palme 2019 ausgezeichnet.

Le Paris / Riffraff

Erstellt: 07.08.2019, 14:11 Uhr

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