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Ihre Unschuld ist kompliziert

Zu ihrem 80. Geburtstag widmet das Filmpodium der italienischen Schauspielerin Claudia Cardinale eine Reihe.

Betörend und aufmunternd, aber nicht fügsam: Claudia Cardinale in «Otto e mezzo».
Betörend und aufmunternd, aber nicht fügsam: Claudia Cardinale in «Otto e mezzo».

Es ist ein magischer, verheissungsvoller Kinomoment, wenn sie in «Otto e mezzo» dem Regisseur Guido (Marcello Mastroianni) zum ersten Mal ein Glas mit Wasser aus der Thermalquelle reicht. Claudia Cardinale tritt in den Film wie eine leuchtende Erscheinung hinein, wie ein Sinnbild lebensbejahender Unschuld, die unberührt ist von der Dekadenz und der Blasiertheit des Publikums an dem mondänen Kurort. «Sie gibt einem das sichere Gefühl», sagte Federico Fellini über seinen Star, «dass dieses Mädchen die Lösung für alles bedeuten könnte.»

Aber ihre Unschuld ist kompliziert, erweist sich als ein widerspenstiges Fantasie­gebilde. Cardinales Lächeln mag strahlend, betörend und aufmunternd sein. Aber es wäre ein Fehler, die Strenge zu übersehen, die auch in den Zügen ihres Gesichts liegen kann. Diese Schauspielerin bringt Männer zum Träumen, aber sie geht nicht fügsam in diesen Träumen auf. Ihre Figuren stecken voller Eigensinn, in ihrem Spiel ist stets ein geistreicher Widerstand dagegen zu spüren, bloss ein glamouröses Objekt zu sein.

Bereits zu Beginn ihrer Karriere ist Cardinale eine Meisterin des Vorbehalts. Der Liebe trauen ihre Figuren nur, solange sie ihnen die Freiheit lässt. Die Titelheldin von «La ragazza con la valigia» ist sprunghaft und schillernd, innige Zuneigung kann sich im nächsten Moment schon in wehmütige Abwehr verwandeln. Es ist geradezu schockierend, wie brüsk und entschieden sich die junge Ehefrau in «Il bell’Antonio» von ihrem Gatten abwendet, als er im Bett versagt. In der resignierten, geschäftstüchtigen Abgeklärtheit der Prostituierten aus «La viaccia» hingegen entdeckt Cardinale einen Rest authentischer Sehnsucht.

So unterschiedliche Facetten kann eine junge Schauspielerin nur offenbaren, wenn sie reif und gefestigt ist. Angesichts ihres frühen Ruhms bewahrte Cardinale einen klaren Kopf, was keine geringe Leistung ist. Ihre Rollen hat sie meist klug gewählt. Die Liste ihrer Regisseure liest sich wie ein Adelsregister. Sie gehört zu den wenigen Stars, die eine wahrhaftige Internationalität des Kinos verkörpern. Sogar als Western-Darstellerin – zum Beispiel in «Once Upon a Time in the West» – eignet sie sich prächtig. Seit sechs Jahrzehnten ist sie eine zuverlässige, risikofreudige Komplizin des Autorenfilms: eine Karriere, die so ruhmreich ist wie ein gehaltenes Versprechen.

So 1.4. –Di 15.5. Filmpodium, Nüschelerstr. 11 www.filmpodium.ch

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